Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde." (1. Mose 22, 2) Muss Abraham seinem Gott gehorchen? – Üblicherweise wird Akedat Yitzhak – "die Bindung Isaaks" –, wie die Geschichte von Isaaks geplanter Opferung in der jüdischen Tradition heißt, als ein Symbol für blinden religiösen Gehorsam verstanden: Ohne das Eingreifen des Engels hätte Abraham seinen Sohn getötet. Da Abraham hier zudem nicht nur der Vater Isaaks ist, sondern zugleich der erklärte Vater des Monotheismus, scheint uns diese Geschichte zu lehren, dass Glaube grundsätzlich mit Gehorsam gleichzusetzen ist; dass Gottes Gebot das ethische Gebot übertrumpft. Interessanterweise teilte sogar der unverblümte geistige Vater der israelischen Kriegsdienstverweigerer-Bewegung, Jeschajahu Leibowitz (1903 bis 1994), ein in Berlin ausgebildeter Philosoph und orthodoxer Jude, diese Auffassung sowohl der "Bindung" als auch der Religion: Für Leibowitz bestand das Wesen des wahren Glaubens im Gehorsam, auch wenn dies bedeutete, die Gebote der Ethik zu verletzen. Darin folgte er sowohl der Bibel wie auch Maimonides, dem großen jüdischen Gelehrten (1135 bis 1204).

Diese theologische Überzeugung ist tief in die jüdische Tradition eingeschrieben und übt einen mächtigen Einfluss auf sie aus – besonders dort, wo jüdische Religion und jüdischer Staat ineinandergreifen. Der einflussreiche Rabbiner Shlomo Riskin aus der Siedlung Efrat im Westjordanland spricht zweifellos vielen aus der Seele, wenn er sagt: "Das Paradox der jüdischen Geschichte ist, dass wir nie als ein von Gott inspiriertes und Gott ergebenes Volk überlebt hätten, wenn wir nicht bereit gewesen wären, Gott unsere Kinder zu opfern."

Dies ist natürlich ein Wink mit dem Zaunpfahl im Hinblick auf die heutige israelische Realität – besonders für jene, die wie ich lange genug in der israelischen Armee gedient haben, um sich deren offensichtlich unmoralischen Ansprüchen zu widersetzen. Ob bewusst oder unbewusst, solche Positionen zehren von der Theologie des Rabbi Kook (1865 bis 1935), die in Israel auch außerhalb extrem rechter Kreise oder der messianisch-religiösen Zionistenbewegung weit verbreitet ist. Doch anders, als man annehmen könnte, ging es dieser Theologie und dieser Politik nie primär um das Opfer. Auch in der biblischen Erzählung scheint nicht das Opfer im Mittelpunkt zu stehen. Sie dreht sich vielmehr um den Gehorsam. Ersetzt man mit Rabbi Kook und anderen "Gottes Wille" durch "den jüdischen Staat", dann hat man die politische Theologie der Akedat Yitzhak, jenes Gehorsams, den man dem Machtwort des Staates schuldet – auch wenn es unmoralisch ist.

Es gibt gute Gründe dafür, diese Politische Theologie für eine Verzerrung zu halten, und zwar nicht nur aus ethischer Perspektive, sondern auch vom Standpunkt des Glaubens aus – wohlgemerkt des jüdischen Glaubens. Wir können die Diskussion an dieser Stelle auf einige Anmerkungen zu Maimonides’ Auffassung der "Bindung Isaak" beschränken. Er ist ohne Zweifel Gewährsmann genug, um sich auf ihn zu berufen, wenn man etwas zur spezifisch jüdischen Perspektive und zugleich zur Natur des Glaubens überhaupt sagen möchte.

Der Schlüssel zu Moses Maimonides’ Interpretation der Akedah liegt nicht in seinen expliziten Kommentaren zu 1. Mose 22, sondern in seiner Klassifikation der elf "Grade der Prophetie", die er im zweiten Buch, Kapitel 45, seines Führers der Unschlüssigen vornimmt. Die elfte und höchste von Maimonides erwähnte Abstufung ist die, dass der Prophet "in der Vision einen Engel sieht, der mit ihm redet"; und gleich fügt Maimonides hinzu: "wie Abraham in der Stunde der Akedah. Dies ist aber meiner Ansicht nach (...) die höchste der Stufen der Prophetie, deren Zustände die Heiligen Bücher bezeugen."

Wie den meisten sicherlich bekannt, setzt die Geschichte von Isaaks Bindung damit ein, dass sich Gott (Elohim) an Abraham wendet und ihm gebietet, seinen Sohn Isaak zu opfern (1. Mose 22, 2). Wir wissen, dass es nicht die höchste biblisch beglaubigte Offenbarung einer Prophezeiung darstellt, wenn man dieses Gebot hört: Gott zu hören entspricht in der Klassifikation des Führers der Unschlüssigen einer niedrigeren prophetischen Stufe (der vierten oder der neunten). Davon abgesehen wollte Maimonides auf etwas anderes hinaus, als er die Akedah anführte, um ein Beispiel für die "höchste der Stufen der Prophetie" zu geben. Diese Stufe besteht nämlich in der Erscheinung eines Engels. Tatsächlich erscheint Abraham an späterer Stelle in 1. Mose 22 ein Engel – und der gebietet ihm, auf das Opfer zu verzichten. Man kann sich zu Recht fragen, wie es die rabbinische Tradition auch immer wieder getan hat, mit welcher Autorität Abraham hier entscheidet, dem Wort des Engels zu folgen und nicht dem Wort Gottes. Die Frage ist umso berechtigter, als dieser Engel der "Engel Jahwes" ist, während es "Elohim" war, der ursprünglich das Opfer forderte. Ohnehin muss man sich fragen, warum für Maimonides Abraham gerade dadurch, dass er dem Engel Jahwes gehorcht und nicht Gott, die höchste prophetische Stufe verkörpert.