Thomas Gnielka ist 15 Jahre alt, als ihn der Anblick eines Kommandos halbverhungerter KZ-Häftlinge erschrickt: 1944, auf einem Feld bei Auschwitz. Mit seinen Berliner Schulkameraden tut er dort als Luftwaffenhelfer Dienst. Heute würde man ihn einen Kindersoldaten nennen – einen jener traumatisierten Teenager, die das früh gesehene Grauen nie mehr werden vergessen können.

Nach dem Krieg zieht es Gnielka nach München. Er lebt in der Schwabinger Kleinkunstszene und versucht, sich seine Erfahrungen von der Seele zu schreiben. Im Frühjahr 1952 ist er eingeladen, vor der Gruppe 47 aus seinem autobiografischen Romanmanuskript vorzutragen; zur selben Zeit beginnt der junge Familienvater als Journalist zu arbeiten. 1957 geht er zur Frankfurter Rundschau.

Aber auch bei der Zeitung lässt ihn Auschwitz nicht los. Während die meisten Deutschen zu verdrängen suchen, was ihnen distanzierend-diskret als "jüngste Vergangenheit" gilt, blickt Gnielka kritisch auf die Gegenwart. Im Januar 1959, bei der Recherche über einen Skandal in der Wiedergutmachungsbehörde in Wiesbaden, lernt er Emil Wulkan kennen. Der Auschwitz-Überlebende vertraut dem Reporter ein paar Aktenblätter an, geborgen im Mai 1945 aus den Trümmern des Breslauer SS- und Polizeigerichts. Daraus geht hervor, wie regelmäßig in Auschwitz angebliche "Erschießungen von Häftlingen auf der Flucht" vorgekommen waren – und mit welcher bürokratischen Routine Lagerkommandant Rudolf Höß anschließend in Breslau die Einstellung der Ermittlungsverfahren beantragt hatte.

Gnielka reicht die Dokumente sofort an Fritz Bauer weiter, den hessischen Generalstaatsanwalt. Dem charismatischen Juristen, der 1933 in Stuttgart als junger Amtsrichter und NS-Gegner in KZ-Haft kam, 1935 emigrierte und 1949 zurückgekehrt ist, eilt der Ruf eines agilen Aufklärers voraus. Ihm fühlt Gnielka sich verbunden, und deshalb verkneift er sich auch nicht einen verwunderten Satz über Emil Wulkan: "Er ist bis heute nicht auf die Idee gekommen, daß das Material von Bedeutung für die Justiz sein könnte."

Der Zufall hilft den Jägern der NS-Verbrecher

Offenkundig weiß Gnielka zu diesem Zeitpunkt längst, dass Bauer unter Hochdruck und in alle Richtungen gegen NS-Täter ermittelt. Denn in letzter Zeit sind ein paar Dinge in Bewegung geraten.

Durch einen Zufall – genauer gesagt: wegen der Dreistigkeit des ehemaligen Polizeidirektors von Memel, der sich in Baden-Württemberg allzu forsch über seine Entlassung aus dem Staatsdienst beschwert hatte – war es im Frühjahr 1958 in Ulm zu einem Prozess gegen zehn Angehörige des Einsatzkommandos Tilsit gekommen. Den SS-Leuten wurde die Erschießung von mehr als 5.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Sommer 1941 zur Last gelegt. Seitdem wurden ernsthafte Zweifel laut an der bis dahin gern geglaubten Justizlegende, wonach es in der Bundesrepublik keine Kriegs- und NS-Verbrechen mehr zu ahnden, wohl aber noch einiges zu amnestieren gebe.

Öffentlichen Eindruck machte nicht zuletzt, dass der sogenannte Ulmer Einsatzgruppenprozess vor einem normalen deutschen Schwurgericht stattfand – und nicht, wie viele Strafverfahren in den ersten Nachkriegsjahren, vor einem der noch lange zu Unrecht als "Siegerjustiz" geschmähten Tribunale der Alliierten. Angesichts der entsetzlichen Verbrechen, die in Ulm zur Sprache gekommen waren, beschlossen die Justizminister der Länder im Herbst 1958 die Einrichtung einer "Zentralen Stelle". Dort sollten die Ermittlungen gegen NS-Täter fortan konzentriert werden. In zwei Jahren, so glaubte man, würden ein paar dafür vorübergehend abgestellte Staatsanwälte die unerfreuliche Aufgabe erledigt haben. Ihr Dienstsitz wurde ein ehemaliges Frauengefängnis im Städtchen Ludwigsburg bei Stuttgart.

Für die Gnadenlobby bot diese Marginalisierung keinen Trost. Nervös (wenn auch grundlos, wie sich bald zeigen sollte) machte sie vor allem der Gedanke, die Initiative der Justizminister könnte ein wichtiges Etappenziel durchkreuzen, nämlich die Verjährung aller noch ungesühnten Totschlagsverbrechen aus der NS-Zeit. Nach geltendem Recht war der Stichtag dafür der 8. Mai 1960. Danach konnte nur noch verurteilt werden, wem Mord oder Beihilfe zum Mord nachzuweisen war – mit all den einschränkenden Tatbestandsmerkmalen, die das Strafgesetzbuch dafür bereithält: also Mordlust, niedrige Beweggründe, Heimtücke oder Grausamkeit.