Jeden Tag, an dem im Frankfurter Römer verhandelt wird, bietet sich das gleiche Bild. Die Mittagspause geht zu Ende, es ist fünf Minuten vor zwei. In der Lobby vor dem braungetäfelten Sitzungssaal stehen die Anwälte in ihren schwarzen Roben in kleinen Gruppen und rauchen. Auf einem Ledersofa sitzen die beiden Angeklagten, die auf freiem Fuß sind, sie warten regungslos auf den Zuruf des Gerichtsdieners: "Platz nehmen, bitte!" Dann, Punkt zwei Uhr, klingt zehnmal ein Gong an, der hinter der hohen Wandverkleidung versteckt ist. Die Vorhänge vor den großen Fenstern zur Straße hin werden zugezogen. Die neun Angeklagten, die im Untersuchungsgefängnis in der Hammelsgasse sitzen, sind bereits – streng bewacht von Polizeibeamten – an ihren Plätzen mit den Nummernschildern.

In diesem Prozeß kommt das furchtbarste Kapitel deutscher Geschichte zur Sprache: die Schreckensjahre der "Todesfabrik" Auschwitz. Jene, die damals schossen, peitschten und das Gas Zyklon B in die Todeskammern warfen, jene, die aus den Transporten die "Arbeitsunfähigen" für den Gastod auswählten, die den Häftlingen Phenol ins Herz spritzten oder vom Schreibtisch aus die Mordmechanik in Gang hielten, sitzen heute in bequemen Stühlen vor der Richterbank – teilnahmslos manche, widerwillig und mißmutig andere.

Wilhelm Boger ist ein Mann mit einem harten, kantigen, bösartig verkniffenen Gesicht. Er ist der Erfinder der "Boger-Schaukel": Um Aussagen zu erpressen, wurden dem Häftling die Hände unter den Knien zusammengebunden, dazwischen eine Eisenstange geschoben, die dann auf ein Gestell gelegt wurde. Das Opfer hing auf diese Weise wie an einem Reck. In Schwung gebracht, wurde es dann geschlagen. Viele starben so.

Da ist der Rapport-Führer Oswald Kaduk: Er legte den Häftlingen einen Bergsteigerstock über den Hals, stellte sich darauf und erwürgte sie auf diese Weise. Da ist der SS-Rottenführer Stefan Baretzki, der mit seinem berüchtigten "Spezialschlag", mit der Kante seiner rechten Hand, KZ-Insassen erschlagen konnte. Da sind die Blockältesten Emil Bednarek und Schutzhaftlagerführer Franz Hofmann: Sie zwangen Häftlinge, sich mitten im Winter nackt auszuziehen und im Freien aufzustellen, bis sie erfroren und tot umfielen. Oder der SS-Oberscharführer Josef Klehr, der seine Opfer mit dem tödlichen Phenol "abspritzte".

Die Anklage hält ihnen diese Grausamkeiten vor. Und was antworten sie?

Boger: "Ich verzichte auf Aussagen. Mein Beschluß ist unabänderlich." – Kaduk: "Ich verweigere jegliche Aussage." – Hoffmann: "Mal rechts und links ohrfeigen, das war alles. Daran ist keiner gestorben. Und im übrigen: Die Verantwortung hatten die anderen."

Da ist es wieder, dieses Wort: die "anderen"; die waren an allem schuld. Die "Prominenten", so meinte einer von ihnen, die müßten eigentlich vor diesem Gericht stehen, die Hitler, Himmler, Heydrich, Eichmann, Höß ... Aber sie?

Sie waren in Auschwitz Adjutanten des Lagerkommandanten. Sie saßen an ihren Schreibtischen und wußten angeblich nichts von den Gaskammern und Krematorien, sie waren angeblich niemals in dem Vernichtungslager Birkenau. "Vom Fenster aus" hätten sie schon einmal die rauchenden Schlote gesehen, den Feuerschein in den Nächten, sie hätten auch den Gestank verbrannten Fleisches gerochen, der in der Luft war, mehr aber nicht. Das war alles. "Ich habe darüber keine Klagen bekommen", sagte einer von ihnen in aller Ruhe, als er gefragt wurde, ob er wußte, was in den Baracken geschah.

Landgerichtsdirektor Hofmeyer hört sich dies alles an. Geduldig treibt er den Prozeß voran. So auch, als er am elften Tag der Verhandlung den Apotheker und SS-Sturmbannführer Dr. Victor Capesius auffordert, auf dem Stuhl vor dem Mikrophon Platz zu nehmen. Capesius ist der einzige der vier angeklagten ehemaligen Auschwitz-Ärzte, der in Untersuchungshaft ist. Er stammt aus Siebenbürgen, war ehedem Hauptmann der Reserve im rumänischen Heer und übernahm 1943 die Leitung der SS-Apotheke in Auschwitz. Nach dem Kriege studierte der promovierte Akademiker erst Elektrotechnik, bis er 1950 in Göppingen die Markt-Apotheke und in Reutlingen einen Kosmetik-Salon eröffnete. 1959, als er verhaftet wurde, setzte er in seinen beiden Geschäften jährlich 400.000 Mark um.

Dem korpulenten, grauhaarigen 56jährigen, dem man die lange Untersuchungshaft nicht ansieht, wirft die Anklage vor, an der Rampe Häftlinge für die Gaskammern selektiert, das Einwerfen der Bomben mit dem Zyklon B überwacht, zusammen mit anderen SS-Führern etwa 1.200 Kinder zur Vergasung ausgesondert, mit narkotisierenden Mitteln Versuche an Häftlingen angestellt und das für die tödlichen Injektionen benutzte Phenol verwaltet und ausgeteilt zu haben.