Gegen Ende seines Lebens sah er aus wie Thomas Bernhard (oder war dem österreichischen Dichter phänotypisch zumindest sehr ähnlich): die Nase, im Alter kaum zierlicher geworden, die Augen, zu Schlitzen verengt, skeptischer blinzelnd denn je, das feine, englische Gesicht von Medikamenten und Alkohol gedunsen. Bernhard hatte es mit der Lunge (Morbus Boeck), der hypochondrisch veranlagte Benjamin Britten am Herzen (Marfan-Syndrom). Beide Diagnosen fallen unter die Autoimmunerkrankungen: Der Körper erklärt sich selbst zum Feind und greift lebenswichtige Organe an.

Von diesem Kampf sei Brittens Herz riesenhaft vergrößert gewesen, berichtet sein Kardiologe in John Bridcuts großartigem neuem Dokumentarfilm Brittens Endgame (am 21. November auf BBC 4) – und unheilbar geschwächt. Eine Operation 1972 bringt keinerlei Besserung, im Gegenteil, die vier Jahre bis zu seinem Tod beschreiben Freunde und Weggefährten als ein von wenigen lichten Schüben geprägtes Siechtum. Am 4. Dezember 1976, mit 63 Jahren, stirbt der Komponist in den Armen seines Geliebten, des Tenors Peter Pears.

Brittens musikalisches Erbe ist so klug wie empfindsam, so sperrig wie nobel, so typisch englisch wie unbedingt kosmopolitisch – und wird in der Rezeption gerne von anämischer Langeweile umflort. Rund hundert Werke umfasst sein Œuvre, für Orchester, für Chor, zwölf Opern, ein Requiem, viele Lieder und eine Handvoll Kammermusik. Wie sein Lehrer Frank Bridge und die meisten britischen Komponisten seiner Generation gehört Britten zu jenen Anhängern einer grenzgängerischen Tonalität im 20. Jahrhundert, die von der Avantgarde verachtet wurden und vom Publikum nicht recht verstanden. "Für Erwachsene zu schwierig, für Kinder zu leicht", heißt es schon über Mozart.

Für Britten war Peter Pears’ Tenor eine erotische Offenbarung

In gewisser Weise macht Britten es seinen Gegnern sogar leicht. Weil da etwas ist in seiner Musik, etwas Kokonhaftes, landadelig Versponnenes, das allem Theatralischen und Gestischen, für das er zu Recht gerühmt wird, scheinbar widerspricht, indem es sagt: Hier singe ich und kann nicht anders – ganz gleich, ob mir jemand zuhört oder nicht. Das Genügsame, nicht an Göttern oder Ausgeburten der Hölle, sondern am Menschen und seiner Not Maßnehmende, ist Britten keineswegs immer positiv ausgelegt worden.

Etlichen Stücken merkt man allerdings an, wie sehr der Orpheus britannicus unter diesem inneren Exil gelitten hat. Wenn er 1936 in seinem Orchesterliederzyklus Our Hunting Fathers (nach Texten unter anderem von W. H. Auden) in die agitatorischen Klanggewänder seines Komponistenfreundes Dmitri Schostakowitsch schlüpft, mit Pauken, Percussion und krachendem Blech (einmal und nie wieder); oder wenn sich "der Reisende" in der vom Nô-Theater angeregten Kirchenparabel Curlew River (1964) zu klopfenden, klagenden, nagenden Orchester-Ostinati als Wiedergänger von Schuberts Wanderer entpuppt. Und das sind nur zwei willkürliche Beispiele für das leicht Entzündliche, Knirschende, an und in Wunden Rührende seiner Musik.

Die Protagonistin in Curlew River übrigens, "Madwoman" genannt (irre Frau), eine Mutter, die ihr Kind verloren hat und verzweifelt sucht, wird von einem Tenor gesungen. Die junge Video-Künstlerin und Regisseurin Netia Jones hat die Parabel gerade in der Kirche von St. Giles-Without-Cripplegate gegenüber dem Londoner Barbican Center auf die Bühne gebracht, in puristisch-packenden Bildern und Live-Projektionen, mehr Installation eigentlich als Inszenierung. Jones sieht in dem Geschlechtertausch die "Abstraktion des Mütterlichen" schlechthin: "Das macht das Ganze erst real." Der Tausch sei Ausdruck eines sublimierten Begehrens. Er steht für die Sehnsucht nach Normalität, für das Weibliche im Männlichen, einen unverstellten Kontakt zu Kindern. Britten liebte Kinder, war von ihnen regelrecht besessen. Im drohenden Verlust ihrer Unschuld und Unversehrtheit spiegelte er sein eigenes Schicksal: Am 22. November 1913 in Suffolk geboren, jüngster Spross einer musisch wenig ambitionierten Zahnarztfamilie, hochbegabt, Wunderkind, der rauen Erwachsenenwelt ebenso wenig gewachsen wie den Fittichen der starken Mutter, die ihm bald den Auftrag erteilte, nach Bach, Beethoven und Brahms "das vierte B" zu werden.