Dass es lange dauert, bis eine Koalition steht, ist nicht neu. Den Rekord halten SPD und FDP, die 1976 73 Tage brauchten – nach sieben Jahren Ehe. Diesen Rekord werden Union und SPD nun garantiert einstellen, und das enthüllt schon statistisch, wie es bei dieser Balz knirscht und knistert. Eigentlich ein Paradox: Noch nie sind die beiden Parteien so eng zusammengerückt, um eine einzige, im Kern sozialdemokratische Partei zu bilden. Im Ringen um Mindestlohn, Quoten und Wahlgeschenke liefern sie sich Scheingefechte.

Der Clinch verschärft das Rätsel: Warum zeigen die beiden, vorweg die SPD-Braut, so viel schlechte Laune? Umso mehr, als das Parlament keine ideologische Konkurrenz aufweist; Grüne und Linke sind nur Schattierungen im allumfassenden sozialdemokratischen Konsens. Rechts von ihnen gibt es keinen – keine FDP, keine AfD –, der dem Quartett in die Suppe spucken könnte. Zumindest in unserem kleinen Deutschland wird "Das Ende der Geschichte" wahr, das Francis Fukuyama vor einem Vierteljahrhundert vorausgesagt hat: Die großen Glaubenskriege sind vorbei. Im staatlichen Handeln geht es nicht mehr um das "Was?", sondern um das "Wie viel?".

Deshalb wird sich auch diese Koalition bis zum 17. Dezember zusammenraufen – missmutig und misstrauisch. Wieso dann das Unbehagen? Drei Antworten: Die Medien meckern heute schon, weil die Brautleute ihnen das Geschäft kaputt machen; die Presse lebt vom Konflikt, sei er echt oder stilisiert. Die Parteien maulen gemäß einem eisernen Gesetz: Je geringfügiger die Zielkonflikte, desto heftiger der Streit um den Weg. Drittens aber bleibt jenseits der gelangweilten Medien und der taktischen Winkelzüge wie der SPD-Mitgliederbefragung ("Ich drohe zu kippen, damit du mich mit deinen Konzessionen auffängst") eine Beklemmung, die Sorge um den harten Kern der Demokratie.

Demokratie ist entweder Streit oder Stillstand. Noch nie herrschte solch ideologische Einförmigkeit in einem (frei gewählten) deutschen Parlament. Der Wettbewerb ist auf die Frage zusammengeschnurrt, wer denn welcher Klientel die meisten Wohltaten erweist oder die meisten Lebensrisiken abnimmt. Das Geschäftsmodell des gesamten Quartetts heißt Vor- und Fürsorge, Konkurrenzabwehr und Durchgriff des Staates. Was als Fortschritt daherkommt – der verordnete Mindestlohn –, ist in Wahrheit ein Rückschritt, der inzwischen sogar die Gewerkschaften nervös macht, bedroht er doch die Tarifautonomie, ein liberales Heiligtum der Republik.

Stillstand schafft trügerische Sicherheit, weil die "Produktionsbedingungen", wie Marx Technik und Arbeitsprozesse nannte, sich heute schneller revolutionieren als im 19. Jahrhundert, als die Globalisierung erstmals die Welt umkrempelte. Sie erfordert wache Köpfe und flinke Hände. Die Revolution mit neuem Biedermeier einzuhegen, wie es dieses Gespann der Gleichgesinnten verheißt, ist wie Valium, wo Koffein angesagt ist. Zeitgemäßer nach acht Jahren Merkelismus wäre jene rot-grüne Koalition, die von 1998 bis 2005 Deutschland neu erfand – in der Außen- wie der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Von diesem Schub lebt die Republik noch heute, und zwar besser als unsere Nachbarn. Ein Trost zum Schluss: Was am Koalitionsherd zusammengerührt wird, ist erfreulicherweise nicht die Speisefolge, die im Kabinett auf den Tisch kommt.