Marino Jansen ist ins Zentrum des Unglücks aufgebrochen. Vor einer Woche kam er auf den Philippinen an. Jetzt fliegt er die Inseln ab und schaut, wo Menschen Hilfe in entlegenen, schwer erreichbaren Regionen brauchen. Jansen arbeitet für die evangelische Diakonie-Katastrophenhilfe, und die will sich dort einsetzen, wo die ganz großen Hilfsorganisationen nicht hinkommen. "Es muss schnell gehen", sagt der erfahrene Krisenmanager. Gerade hat er einen Job in Nairobi erledigt. Die Nächstenliebe ist eine weltweite Macht.

In der verwüsteten Region hat die Diakonie einen Partner, das Citizens’ Desaster Response Center, eine kleine, nicht religiöse Hilfsorganisation. Sie betreibt 16 regionale Zentren und ist nah bei den Menschen. Darauf legen kirchliche Hilfswerke Wert. Nähe ist ihnen wichtiger, als dass der Partner ihren Glauben teilt. Zusammen mit einheimischen Kollegen kauft Jansen Überlebenspakete, transportiert sie mit Lkw und Schiffen in die Unglücksorte und organisiert die Verteilung. Wasseraufbereitungstabletten sind jetzt auf den Philippinen besonders gefragt. Vielleicht müssen sie die Verteilaktion in zwei Wochen wiederholen. Für diese Spanne sind die Pakete gepackt: Reis, Trockenfisch, Seife, Zahnbürsten, Decken.

Wie lange werden die Spenden reichen? Zwei Millionen Euro hat die Diakonie nach dem Taifun gesammelt, über das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe im ZDF und über evangelische Kirchengemeinden. Deren Spenden treffen zwar später ein. Aber Christen spenden länger, auch dann noch, wenn das Fernsehen nicht mehr berichtet.

Warum helfen Christen? Seit Langem zählen christliche Werke wie das katholische Misereor und das evangelische Brot für die Welt zu den Big Playern auf dem Spendenmarkt. Anders als viele muslimische Einrichtungen helfen sie ohne Rücksicht auf die Religion. Ja, im Namen des Christentums wurden Wunden geschlagen. Aber es werden auch Wunden geheilt. Nichts macht die Kirchen so glaubwürdig wie die Hilfe, die sie auf allen Kontinenten leisten. Eine Million Beschäftigte von Caritas und Diakonie in Deutschland schaffen an Krankenbetten und in Beratungsstellen Vertrauen – auch wenn Bischöfe und Kirchenbehörden es strapazieren.

Der Wille zum Helfen liegt in der DNA des Christentums. Dessen erster Konflikt entzündete sich nicht an einer Lehrfrage, sondern an sozialer Not. Die Bibel erzählt es so: In der Urgemeinde in Jerusalem kamen Witwen mit griechischem Migrationshintergrund hungrig zum Gottesdienst. Niemand versorgte sie. Die Apostel aber erinnerten sich, dass Jesus Kranke geheilt hatte und als Jude das Gebot der Gerechtigkeit gegenüber den Benachteiligten kannte. Sie reagierten auf den Hunger der Witwen mit der Gründung des ersten Hilfswerks und ließen sieben Diakone wählen. Die sollten sich um die soziale Gerechtigkeit in der Gemeinde kümmern. Es mussten aber Männer "voll Heiligen Geistes" sein, die anpacken.

Und in der Wirklichkeit? Im vierten Jahrhundert war der Bischof persönlich verantwortlich dafür, dass Kranke versorgt wurden. Im Mittelalter entstanden Spitäler und organisierten erstmals systematische Krankenpflege. Deshalb gilt das Krankenhaus als christliche Erfindung. Den letzten Schub erhielt die tätige Nächstenliebe nach der missglückten deutschen Revolution. Nach 1848 gründeten evangelische Laien, Kaufleute, Minister und Verwaltungsbeamte Waisenhäuser, Rettungsanstalten und Missionswerke. Und verbanden sich zum Diakonischen Werk. Ein halbes Jahrhundert später folgten die Katholiken mit der Caritas – ergänzend zum jahrhundertealten Einsatz der katholischen Orden.

Und heute? Caritas und Diakonie haben mit insgesamt einer Million Beschäftigten fast doppelt so viele Mitarbeiter wie die Kirchen. Als sich evangelische Christen 1959 für die Hilfslieferungen der Nachkriegszeit aus den USA und Skandinavien bedanken wollten, schlossen sie sich in einem historischen Bündnis zwischen Landeskirchen und Freikirchen zusammen für eine Spendenaktion. Das Motto "Brot für die Welt" schlug ein. 19 Millionen West- und fünf Millionen Ostmark kamen zusammen – ein Traumergebnis. Die Kirche beschloss, die Aktion jedes Jahr zu wiederholen.

Inzwischen ist Brot für die Welt zu einer Marke geworden wie Nivea und Haribo – und sammelt fast 60 Millionen Euro im Jahr an Spenden. Viele Spender wissen nicht, dass sie eine evangelische Gemeinschaftsaktion unterstützen. Daneben haben sich freie evangelische Hilfswerke entwickelt, so die Christoffel-Blindenmission und die Kindernothilfe. 1980 eröffnete das aus den USA stammende World Vision eine deutsche Filiale.

Allen gemeinsam ist: Ihre Hilfe wird heute professionell und arbeitsteilig organisiert. Kein Mitarbeiter fliegt mehr im Laderaum einer Frachtmaschine in afrikanische Kriegsgebiete und schiebt Abwurfcontainer aus der offenen Ladeluke. Die kirchlichen Hilfswerke sammeln Geld und spielen ihren Vorteil aus: Überall auf der Welt gibt es christliche Gemeinden, die selbst helfen oder eine Organisation kennen, die in einer Krise Hilfsgüter so verteilen kann, dass der Aufwand für Korruption erträglich bleibt. Deshalb auch gibt das Entwicklungshilfeministerium den Kirchen jedes Jahr um die 220 Millionen Euro. Es gibt sie gern, denn der Staat müsste mit Staaten kooperieren. Da würde viel Geld versickern.

Zum Glück ist die Katastrophenindustrie der Decken- und Zeltproduzenten nahe den großen Flughäfen abgeschafft. Die einheimischen Kirchen besorgen heute Hilfsgüter aus dem eigenen Land. Auf Verbündete kommt es an! Die katholische Kirche, die die Hälfte der Weltchristenheit stellt, hat mit dem vatikanischen Hilfswerk Cor Unum eine Art päpstliches Entwicklungshilfeministerium geschaffen und mit Caritas Internationalis weltweite Verbündete vernetzt.

Die evangelischen Kirchen machen es ähnlich. Sie arbeiten mit dem Dachverband Action of Churches Together (ACT) beim Ökumenischen Rat der Kirchen zusammen. Sie haben ein Netz organisiert, das auch da den Aufbau koordiniert, wo die Katastrophenhelfer wieder einpacken. Immer noch riskieren deutsche Helfer ihre Gesundheit, wenn sie sich zu den Überlebenden von Wirbelstürmen und Vulkanausbrüchen durchschlagen.

Die Kirchen können helfen, wo sonst niemand hilft. Warum? Weil ihre Gemeinden verlässlich spenden. Und weil sie politische Grenzen leichter überwinden als ein Staat. Als Kambodscha zehn Jahre lang von vietnamesischen Truppen besetzt war, erwirkten die USA, dass das Land von den UN keinen Cent Entwicklungshilfe bekam. Trotzdem fuhren weiße Jeeps durchs Land mit der blauen Aufschrift "WCC" für World Council of Churches. Hier half der Ökumenische Rat, dessen Haushalt zur Hälfte von evangelischen Kirchen in Deutschland aufgebracht wurde. Aber er konnte nicht um Spenden bitten. Sonst hätten die UN die Helfer des Landes verwiesen. Nächstenliebe ist eine Macht, die auch im Stillen wirkt.