DIE ZEIT: Herr Oettinger, was würde Ludwig Erhard zu diesen Koalitionsverhandlungen sagen?

Günther Oettinger: Er würde sich Sorgen machen. Und er würde dafür werben, dass der Erhalt von Arbeitsplätzen und der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft wichtiger sind als vieles andere, was die künftige Große Koalition vorhat. Zum Glück sind die Vorschläge für Steuererhöhungen vom Tisch, und es steht fest, dass die Schuldenbremse eingehalten werden muss. Darüber wäre Ludwig Erhard erleichtert. Es ist sehr wichtig, dass die Union hier eine Wende zum Schlechteren vermeiden kann.

ZEIT: Denkt die CDU zu wenig an Ludwig Erhard?

Oettinger: Das Problem liegt nicht nur bei der CDU. Alle Parteien waren vor zehn Jahren offener für Reformen, und so wurde aus dem kranken Mann Europas ein hochattraktiver Wirtschaftsstandort. Heute interessieren sich die Menschen mehr für Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie wollen mehr vom Staat, dem geben alle Parteien nach. Der Preis dafür ist aber hoch: Wir gefährden damit unseren Vorsprung im internationalen Wettbewerb.

ZEIT: Dann lassen Sie uns über die konkreten Regierungsvorhaben sprechen, die bereits feststehen. Was sagen Sie zum Mindestlohn von 8,50 Euro?

Oettinger: Ich bin sehr skeptisch. Da das offenbar die wichtigste Forderung der SPD ist, müssen wir in der Union das wohl im Prinzip akzeptieren. Aber es besteht die echte Gefahr, dass ein Mindestlohn von 8,50 Euro in ganz Deutschland Arbeitsplätze zerstört. Für Geringqualifizierte und für viele Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern wäre es besser, wenn wir nach Branchen und Regionen unterschieden und außerdem den Mindestlohn stufenweise einführten. Dann könnten wir in Ruhe beobachten, wie er wirkt.

ZEIT: Was halten Sie von der Rente ab 63?

Oettinger: Es war eine Errungenschaft, dass wir das Rentenalter auf 67 erhöht haben, und es wäre falsch, das jetzt gemeinsam mit der SPD wieder zu ändern. Die jüngere Generation, die ja dafür zahlen muss, wäre zu Recht enttäuscht von uns.

ZEIT: Was bringt die Frauenquote?

Oettinger: Was jetzt vereinbart wurde – mindestens 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten ab 2016 –, stand so ähnlich auch im Wahlprogramm der Union. Nun kommt die Quote eben ein paar Jahre früher, das kann man vertreten. Mich stört aber, dass es ein reines Symbolthema ist. Der jungen Physikerin oder der qualifizierten Ökonomin Mitte dreißig helfen wir nicht damit, dass demnächst ein paar Frauen mehr in den Aufsichtsräten der Dax-Unternehmen sitzen.

ZEIT: Wie schwer fällt Ihnen das Ja zur doppelten Staatsbürgerschaft?

Oettinger: Es gibt auch so immer mehr Menschen mit mehreren Pässen in Deutschland. Bei jeder zweiten Einbürgerung gilt heute eine Ausnahmeregelung. An dem Thema wird die Koalition nicht scheitern.

ZEIT: Wie finden Sie die Pkw-Maut für Ausländer?

Oettinger: Ich halte viel von Gebühren für die Straßennutzung, aber nur unter zwei Bedingungen: Man kann, erstens, eine Maut nur für alle Autofahrer einführen, für In- und Ausländer. Zweitens muss das eingenommene Geld in den Straßenbau fließen. Das muss im Gesetz klar geregelt werden.

ZEIT: Alles in allem klingt das so, als seien die Pläne der Großen Koalition doch nicht so schlimm.

Oettinger: Über das, was mir wirklich Sorgen macht, haben wir ja noch gar nicht gesprochen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Oettinger: In Berlin wird über zusätzliche Staatsausgaben von bis zu 50 Milliarden Euro verhandelt. Davon sollen 80 Prozent in den Konsum fließen und nur etwa 20 Prozent investiert werden. Besser wäre es andersherum. Wir brauchen das Geld für Forschung, Straßenbau, Bildung. Außerdem muss die nächste Regierung viel mehr für einen niedrigeren Strompreis tun. Die Energiekosten sind für die Wettbewerbsfähigkeit heute so wichtig, wie es zur Zeit der Agenda 2010 die Lohnkosten waren. Sie entscheiden darüber, wie unsere Wirtschaft in der Globalisierung besteht. Wenn die Regierung die steigenden Stromkosten nicht wirksamer bekämpft, als sie es offensichtlich plant, wird die energieintensive Industrie Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.