ZEIT: Jetzt übertreiben Sie.

Oettinger: Nein, gar nicht. Schauen Sie, vor zwanzig Jahren, nach dem Fall der Mauer, entstanden in Osteuropa neue Demokratien mit billigen Arbeitskräften. Es wurde immer leichter, Produktionen in andere Teile der Welt zu verlagern. Darauf haben wir mit Arbeitsmarktreformen reagiert. Heute erleben wir, dass in den Vereinigten Staaten die Energie durch das Fracking gerade viel billiger wird. Das verändert den Wettbewerb dramatisch, und wir müssen ganz anders darauf reagieren als bisher, wenn wir nicht Jobs und Investitionen verlieren wollen. Wenn die neue Regierung etwas für den Wirtschaftsstandort tun will, muss sie sich darum kümmern.

ZEIT: Insgesamt wirkt es, als setze die SPD bei den Koalitionsverhandlungen mehr durch als die Union. Sind die Sozialdemokraten überraschend stark – oder ist die CDU überraschend schwach?

Oettinger: Die Kanzlerin hat es nicht nötig, mit Forderungen aufzutrumpfen. Die CDU steht hinter ihr, das ist bei der SPD anders, da ist der Parteivorsitzende viel mehr unter Druck. Ich gehe aber davon aus, dass Angela Merkel bewusst ist, dass die Addition von Ideen der Koalitionsarbeitsgruppen noch kein Regierungsprogramm für eine Industrienation ist. Zum Thema Wirtschaft sind den Unterhändlern fast nur Belastungen und Regulierungen eingefallen. Das kann nicht das letzte Wort sein. Entweder die Parteivorsitzenden legen jetzt noch einmal Hand an, oder die Regierung wird in zwei bis drei Jahren nachbessern müssen, wenn sich die Wirtschaftsentwicklung sich wiederer eintrübt.

ZEIT: Wie passt das zur Kritik aus Brüssel an den deutschen Exportüberschüssen?

Oettinger: Wenn sich die Exporte sehr ungleich entwickeln, muss man dem nachgehen und überlegen, welche Folgen es hat. Aus dem Bericht der EU-Kommission kann man aber nicht ableiten, dass die deutschen Unternehmen weniger exportieren sollen. Ich werde auf keinen Fall irgendwelchen Sanktionen und Strafmaßnahmen gegen Deutschland zustimmen. Es ist auch nicht sinnvoll, Obergrenzen einzuführen, mit denen Exporte beschränkt werden.

ZEIT: Was soll die Kritik dann erreichen?

Oettinger: Ich glaube, dass eine vertiefte Prüfung der Handelsströme eine große Chance für Deutschland ist. Sie wird zeigen, dass zu deutschen Exportprodukten – vor allem Autos und Maschinen – viele Vorprodukte aus anderen Teilen Europas gehören. In einem deutschen Auto steckt viel Europa drin! Und im Bericht der Kommission steht, dass in Deutschland mehr investiert werden könnte und die Kaufkraft durch niedrigere Steuern und Abgaben verbessert werden soll. Ich finde, damit hat die EU-Kommission Angela Merkel den Rücken bei den Verhandlungen mit der SPD gestärkt.

ZEIT: In Deutschland kam die Export-Kritik so an, als wolle Brüssel uns verbieten, gute Autos zu bauen.

Oettinger: Ich glaube, in Deutschland waren einige verschnupft, weil überhaupt geprüft wurde. Das gehört aber zu den vereinbarten Spielregeln in einem zusammenwachsenden Europa dazu. Es bedeutet, dass nicht nur Griechenland und Spanien kritisiert werden. Es gilt auch für Deutschland oder Frankreich, dass es eine komplett eigenständige Wirtschaftspolitik nicht mehr gibt. Daran haben sich viele noch nicht gewöhnt.