Über kein anderes europäisches Land spricht Angela Merkel derzeit so gern wie über Irland. Die Ankündigung der Regierung in Dublin, künftig keine finanzielle Unterstützung der EU-Partner mehr in Anspruch nehmen zu müssen, ist der bislang greifbarste Erfolg der europäischen Krisenpolitik. Ein Beispiel dafür, so die Kanzlerin, "dass die Dinge vorangehen".

Der Erfolg ihres irischen Kollegen Enda Kenny könnte Merkel auch noch aus einer anderen Verlegenheit helfen. Die Europäische Volkspartei (EVP), zu der CDU und CSU gehören, sucht nach einem Spitzenkandidaten für die Europawahl im kommenden Mai. Dass die großen europäischen Parteifamilien jeweils einen Topkandidaten nominieren werden, ist ein Novum. Während sich die Sozialdemokratische Partei Europas (SPE) bereits auf den Deutschen Martin Schulz verständigt hat, ist die Suche der Konservativen aus verschiedenen Gründen kompliziert.

Besonders schwerfällt es der EVP, einen Kandidaten zu finden, der sowohl im wirtschaftlich soliden Norden wie auch im krisenhaften Süden Europas punkten könnte. Immer öfter fällt daher nun der Name Enda Kenny. Um aus dem Nord-Süd-Dilemma herauszufinden, sei der irische Ministerpräsident "natürlich eine Möglichkeit", heißt es in der EVP.

Irland teilt bittere Erfahrungen, die Spanien, Portugal oder Griechenland in den vergangenen Jahren gemacht haben. Arbeitslosigkeit und Schuldenstand sind auf der Insel nach wie vor hoch; die Rekapitalisierung der maroden Banken lastet schwer auf den Bilanzen. Trotzdem will sich das Land demnächst wieder selbst finanzieren. Nicht nur in Berlin gilt Irland deshalb als "Vorzeigestaat". Kenny selbst hat in den vergangenen Jahren immer wieder betont, die Iren wüssten, "dass sie ihre Verpflichtungen einhalten müssen".

Der 62-Jährige ist seit März 2011 Ministerpräsident. Er gilt als geradlinig und verlässlich, Eigenschaften, die ihm in der Krise zweifelsohne geholfen haben. Denn Kenny hat das Kunststück fertiggebracht, den Iren schmerzhafte Einschnitte zuzumuten und dabei beliebt zu bleiben. Eine seiner ersten Entscheidungen war es, sich und seinen Ministern das Gehalt zu kürzen. Heute kann Kenny von sich sagen, er habe Irlands "wirtschaftliche Souveränität und Unabhängigkeit wiederhergestellt".

In einem europäischen Wahlkampf könnte der Ire daher als Kandidat auftreten, der die Krise aus eigener Erfahrung kennt – und sie besiegt hat. Das wäre eine Geschichte, die Kenny in Madrid oder Athen genauso überzeugend erzählen könnte wie in Amsterdam und in München. (Dass er nur eine Sprache spricht, in seinem Fall Englisch mit einem sehr irischen Akzent, ist ein Problem, mit dem auch andere Kandidaten zu kämpfen hätten.)

Wie stehen Kennys Chancen? Wie bei den meisten europäischen Entscheidungen der vergangenen Jahre richten sich wieder einmal alle Augen auf Angela Merkel. Ein Spitzenkandidat der EVP braucht vor allem die Unterstützung der Deutschen. Merkel kennt Kenny seit vielen Jahren, beide wurden fast zeitgleich Parteivorsitzende. Der irische Fine-Gael-Chef ist zudem bereits Vizepräsident der EVP. Dass Kenny im eigenen Land lange Zeit unterschätzt wurde, kann Merkel sicherlich nachfühlen. Bereits 2007 hatte sie ihn im irischen Wahlkampf unterstützt; damals scheiterte Kenny noch knapp. Vier Jahre später triumphierte er mit dem besten Ergebnis, das seine Partei jemals erreicht hatte.

Spätestens Anfang März muss die EVP entscheiden, wen sie ins Rennen schickt. Ein Parteikongress soll dann offiziell den Spitzenkandidaten für die Europawahl küren. Wo dieser Kongress stattfindet, steht bereits fest: in der irischen Hauptstadt Dublin.