Inmitten der öffentlichen Empörung und angesichts der zum Teil wirklich irrwitzigen Forderungen und Ideen, was der Staat mit den Bildern des Cornelius Gurlitt unverzüglich zu tun habe, wirkt die Erinnerung an den schlichten Rechtsfall Gurlitt ernüchternd. In Gestalt der Augsburger Staatsanwaltschaft gibt es offenbar auch bereits eine Schuldige, der man Untätigkeit und Verschleppung in einer Restitutionsangelegenheit von allerhöchstem Rang vorwerfen kann. Bloß dass die Üblichkeiten des Rechtsstaats normativem Überschwang oftmals schlechterdings und aus guten Gründen nicht entsprechen können, sondern ihm aufreizend langsam hinterherhinken. Vieles im Fall Gurlitt ist tatsächlich noch unklar, und mancher hat sein Urteil schon gefällt, bevor der Sachverhalt überhaupt festgestellt werden konnte.

Sicher ist: Die Staatsanwaltschaft Augsburg hegt seit zwei Jahren einen Anfangsverdacht wegen eines Steuervergehens gegen Cornelius Gurlitt. Sie ließ den Mann observieren und verschaffte sich Zugang zu dessen Wohnung, in der sie auf seine Kunstsammlung stieß. Da beim Anblick der Bilder der Gedanke an Raubkunst nicht allzu fern lag, wurde die Sammlung beschlagnahmt. So gingen die Ermittlungen in Richtung eines weiteren möglichen Deliktes, nämlich Unterschlagung. Auf Nachfrage bestätigte die Staatsanwaltschaft in Augsburg, dass in ihren Augen die Gründe für beide Verdachtsannahmen auch heute noch fortbestehen. Daran muss man erinnern: Noch immer ist dies im Kern ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren – und folgt dessen Regeln.

Wenige Wochen darauf wurden die bayerischen Landesbehörden sowie der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien in Berlin verständigt. Aus Berlin kam eine Liste möglicher Provenienzexperten zurück nach Augsburg, aus welcher die dortigen Staatsanwälte Meike Hoffmann auswählten. Ob die Entscheidung richtig war, die Sammlung nur von einer einzigen Forscherin bearbeiten zu lassen, ist eine andere Frage. Sicherlich wäre es mit mehr Wissenschaftlern schneller gegangen, aber man muss zumindest akzeptieren, dass dies eine bewusste Entscheidung des Oberstaatsanwalts gewesen ist: Je größer die Gruppe der eingeweihten Beteiligten, so seine Haltung, desto geringer die Möglichkeit, Diskretion zu wahren. Ermittlungen von der Öffentlichkeit fernzuhalten, auch zum Schutz des Betroffenen Cornelius Gurlitt, ist ebenfalls ein hohes Gut – und staatsanwaltschaftliche Pflicht.

Trotz der verständlichen Empörung über die Raubzüge und die Enteignungen durch die Nazis: Es ist Cornelius Gurlitt zunächst nachzuweisen, dass er nicht der rechtmäßige Besitzer seiner Sammlung oder ihrer Teile ist. Dazu reicht der Verweis auf pauschales Unrecht nicht aus, auch nicht die mediale Skandalisierung. Das sind kaum die Wege, Bilder schnell zu restituieren. Nötig bleibt der Nachweis im Einzelfall, der den Vorbesitz belegt, den erzwungenen Verkauf oder die Enteignung. Nur so sind Restitutionsansprüche mit Aussicht auf Erfolg vor Gericht anzumelden.

Das deutsche Recht kennt den Tatbestand des "gutgläubigen Ersitzens", was heißt, nach zehn Jahren erwirbt einer auch fragwürdiges Eigentum, wenn ihm der Richter bestätigt, dass es keinen Grund gab, Misstrauen an der rechtmäßigen Herkunft des Besitzes zu haben. Darunter fallen die meisten Erbschaften, vermutlich auch die 1967 von der Mutter Gurlitt auf den Sohn gekommene Sammlung. Rechtsbrüche des Vaters könnten darüber hinaus verjährt sein. Das ist ethisch und moralisch unbefriedigend, aber Gesetz. Viele Juristen sind der Ansicht, dass eine Neufassung der Verjährungsregelung keine Aussicht auf Erfolg hätte.

Cornelius Gurlitt hätte also gute Chancen, seinen Besitz wieder ausgehändigt zu bekommen, jedenfalls in großen Teilen. Entsprechendes hat die Augsburger Staatsanwaltschaft inzwischen jedenfalls angekündigt. Vermutlich auch auf diesem Hintergrund hat das Bundeskanzleramt die Augsburger Staatsanwaltschaft dazu bewogen, anders zu verfahren als bisher. Die Bilder sollen jetzt möglichst schnell dokumentiert und publiziert werden, damit Ansprüche von Erben überhaupt erst gestellt werden können, und zwar zeitnah. Dann sind auch Verhandlungen möglich. Ingeborg Berggreen-Merkel koordiniert jetzt eine aus weiteren Provenienzexperten bestehende Task-Force des Bundes. Sie hält den Kontakt zu Anspruchs- und Interessengruppen. Vor allem soll sie eine Lösung in diesem komplizierten und täglich sich weiter komplizierenden Fall finden.

Dazu besteht jetzt tatsächlich noch eine reale Möglichkeit. Keiner der Beteiligten ist an einer juristischen Zuspitzung interessiert, womöglich im offenen Streit mit Opferverbänden, dann einen erheblichen Imageschaden für die Bundesrepublik und sogar völkerrechtliche Verwicklungen riskierend. Ein Einigungsverfahren setzte voraus, dass sich Cornelius Gurlitt gesprächsbereit zeigt. Ohne ihn geht nichts. Kann sein, dass es von Vorteil ist, dass er sich bisher nicht von einem Rechtsanwalt vertreten ließ, der auf Konfrontation schaltet. Und vielleicht ist Gurlitts Aussage im Spiegel, kein Bild hergeben zu wollen, doch nicht sein letztes Wort in der Sache. Eine Prozessflut, in der um jedes Bild jahrelang gerungen wird, liegt weder in seinem Interesse noch im Interesse restitutionsberechtigter Erben.