Am Ende des Filmes ist der Theaterregisseur an einen künstlichen Kaktus gefesselt, er ist grell geschminkt, steckt in engen Stöckelschuhen und sieht erbärmlich aus. Das Theater wird von seiner Gespielin geschlossen, irgendjemand wird den Narren am nächsten Morgen schon auffinden. Er hatte sich auf ein komödiantisches Verführungsspiel eingelassen und es eindeutig verloren.

Roman Polanski hat mit seinem neuen Film Venus im Pelz ein Theaterstück von David Ives verfilmt, das auf Leopold von Sacher-Masochs gleichnamiger Novelle von 1870 beruht. Ein Spiel im Spiel: Der Regisseur Thomas, der die Novelle zur Aufführung bringen möchte, steht am Anfang des Films einigermaßen verzweifelt in einem kleinen Pariser Theater. Es haben den ganzen Tag über Frauen vorgesprochen, die Wanda verkörpern wollen – jene reiche und junge Witwe also, die bei Sacher-Masoch zur Herrin eines jungen Adligen namens Severin wird, diesen auf seinen Wunsch hin zum Sklaven erniedrigt und auf allerlei Weise quält. Doch Thomas ist mit keiner Vorsprecherin einverstanden, ausnahmslos schlechte Laiendarstellerinnen traten auf, das Budget dürfte überschaubar sein.

Mathieu Amalric, der aussieht wie der junge Roman Polanski, spielt den Regisseur als das Abziehbild eines französischen Intellektuellen: mit nervöser, aufgesetzter Bedeutsamkeit, mit wehleidigem Pathos und lächerlichem Größenwahn. Er verwechselt die kleine Bühne mit der Welt. Im Theatersaal ist der Wicht ein Gott, der Wichtigtuer ein Titan. Die Frauen liegen ihm zu Füßen, aber keine ist ihm gut genug.

Bis Wanda das kleine Theater betritt – eine heruntergekommene, offenbar dem Straßenstrich entsprungene, nicht mehr sonderlich junge, völlig überdrehte, aufgekratzte Pseudo-Diva, die Thomas bedrängt, noch vorsprechen zu dürfen. Ihr vulgärer und obszöner Auftritt verfängt, der Regisseur (als Severin) und Wanda führen eineinhalb Stunden lang ein Stück über sexuelle Hörigkeit, über Macht im Geschlechterverhältnis, über die Lust von Qualen auf.

Wanda wird gespielt von Polanskis Frau Emmanuelle Seigner – und Polanski feiert in diesem Film ihre Wandlungsfähigkeit. Sobald ihre Wanda auf der Bühne steht, entpuppt sie sich als herausragende Darstellerin. Zur Verblüffung von Thomas spielt sie die Figur ihrer Namensvetterin perfekt. Sie hat nicht nur ihre Rolle bereits auswendig gelernt, sie hat sie vollständig verinnerlicht und besticht als Charakterdarstellerin. Und so tritt sie dem Regisseur, der nach und nach die Macht über sein Stück verliert, sowohl als ordinäre Hure entgegen, die seine Theaterarbeit als ärmliches Chauvinistenwerk verhöhnt, als auch als sadistische Witwe, die ihn im Stück demütigt. Von einem bestimmten Punkt an ist es gleichgültig, ob sie mit ihm innerhalb oder außerhalb der Rolle spricht. Sie kann Thomas in der Inszenierung versklaven oder als reale Person. Aber natürlich weiß der Zuschauer, dass die reale Person auch nur eine gespielte ist. Dieser Theaterregisseur hat es mit einer Göttin zu tun, aber keiner, die ihm als edle Einfalt und stille Größe gegenübertritt, sondern als monströse Verstellungskünstlerin. Sie ist allwissend, nach und nach entblößt sie Thomas’ Piefigkeit: seine hochkonventionelle Beziehung, das Paar hat einen Hund, der auf billige Weise ironisch Derrida heißt. Zudem leidet Thomas unter einer verstohlenen Unterwerfungslust.

Polanski hat über die Dreharbeiten berichtet, dass man häufig gelacht habe. Das glaubt man gern: Venus im Pelz ist am ehesten mit Tanz der Vampire (1967) vergleichbar, Alters- und Jugendwerk greifen ineinander. Man denkt angesichts des jämmerlichen Regisseurs unwillkürlich an den schwulen Vampir seiner alten Komödie, der, unerlöst und von sexueller Gier gepackt, durch das väterliche Schloss irrt. Bereits in dieser frühen Komödie Polanskis war überdies schon die Frau die nur schwer zu steuernde Göttin, die ihr Gift in die Welt hinausträgt und alle mit ihren Küssen und Bissen infiziert.

Es wurde zu Recht gesagt, dass Roman Polanski, der 1977 eine Minderjährige missbraucht hat und 2009 in der Schweiz für fast ein Jahr unter Hausarrest stand, allerhand Biografisches in diesen Film hineinversteckt hat. Und der Vorwurf liegt natürlich nahe, dass er sich mit seinem Venus- Film als beklagenswertes Opfer der Frauen stilisiert. Diese Vermutung unterschlägt eine Pointe: In Sacher-Masochs Novelle triumphiert am Ende schließlich der Mann über die Frau, er soll sie dominieren, solange – und darauf kommt es in der Novelle an – sie es nicht mit Bildung und gesellschaftlicher Achtung mit ihm aufnehmen kann. Bei Polanski dominiert am Ende die Frau über das jämmerliche Geschlecht der Männer. In dem Moment nämlich, da sie ihm gleichgestellt ist, ist der Mann ein verlachenswertes Opfer, kein beklagenswertes. Sein Leiden ist nichts als eine gerechte Strafe, sein Masochismus das erotische Schicksal, er lebt im Abglanz seiner verlorenen Macht. Ihm bleibt, als letzter Trost, diese Niederlage glänzend aufzuführen.