Tödliche Hilfe – den menschlichsten Antrieb mit so einem Titel zu entwerten bricht ein Tabu. Und das in diesen Tagen, da Leid und Verwüstung auf den Philippinen dringenden Beistand fordern. Doch Raoul Pecks provokative Dokumentation ist gerade in Zeiten sich häufender Katastrophen wichtig. Der Filmemacher, Kosmopolit und frühere Kultusminister Haitis fragt am Beispiel seines Landes, was den Opfern wirklich hilft – und was nur den Helfern.

Häuser stürzen ein, Geröllwolken rasen durch die Straßen, eine Frau wirft sich auf den Boden – lebt sie noch? Die taumelnden Anfangsbilder vermitteln nur eine Ahnung von jenem Januartag 2010, als die Erde in der Karibik bebte wie nie zuvor. Mehr als 300.000 Menschen starben, 1,5 Millionen wurden obdachlos.

Beispiellos wie die Not war indes weltweit auch das Mitgefühl. Über zwölf Milliarden Dollar brachten Regierungen und NGOs zusammen. Barack Obama entsandte seinen Vorgänger Bill Clinton in die Hauptstadt Port-au-Prince. Der versprach den Haitianern eine "nie da gewesene Zukunftschance".

Auch Raoul Peck, der in Paris lebt und lehrt, stieg ohne zu zögern ins Flugzeug. Gleich nach der Landung, sagt er heute im Gespräch, habe ein Fernsehreporter mitten im Chaos nach herzzerreißenden Motiven für Spendenaufrufe gefragt: "Wo gibt’s hier ein Kinderheim?" Kommen und wissen, ohne zu sehen: Diese Anmaßung habe ihn von Anfang an auch bei der Invasion der Helfer beunruhigt, sagt Peck. Er beginnt zu filmen, "obwohl ich als Mensch und Bürger gekommen war". Zwei Jahre lang protokolliert er die Mobilmachung einer am Ende hilflosen Hilfsindustrie.

Die Ambivalenz des Gutgemeinten zeigt sich noch am banalsten in den importierten Wasserflaschen, die einheimische Händler ihrer Geschäfte berauben. Ein Krankenhaus soll ausgerechnet dort gebaut werden, wo das letzte noch funktionsfähige steht. "Wir mussten sie mit Bulldozern davon abhalten", sagt Haitis damaliger Premierminister Jean-Max Bellerive im Film.

Blinde Hybris macht Peck dann im "Interimskomitee für den Wiederaufbau" sichtbar, das unter Clintons Leitung die Arbeiten koordinieren soll. In dessen Konferenzen bieten topausgebildete, hoch engagierte Dreißigjährige weltfremde Patentlösungen feil. Wie auf dem Basar konkurrieren sich die internationalen Agenturen mit Projekten nieder, deren Eigeninteressen viele Notwendigkeiten blockieren.

Zum Beispiel müssten mit Millionensummen Berge von Trümmern beseitigt werden. Doch Aufräumen fänden Geber "nicht sexy", sagt Clintons Stabschefin unumwunden in die Kamera. Lieber bauen sie etwas, denn nur auf Häuser kann man spendenträchtige Logos kleben. So entsteht am Rande von Port-au-Prince das riesige Lager Corail-Cesselesse. Pecks Film entlarvt, was dort im Aktivismus alles übersehen wurde: Die Unterkünfte sind zu klein, sie haben weder Wasseranschluss noch Küche, schützen weder vor Regen noch vor Stürmen. Tausende wurden hergelockt, doch weil es so weit außerhalb keine Arbeit gibt, verfällt die Spanplattensiedlung rasch zu einem der größten Slums.

Alles geschieht über die Köpfe der Menschen hinweg, und überrollt wird auch der haitianische Staat. Verbittert schildert der Ex-Premier, wie ihn die widersprüchlichen Anträge von 4000 Hilfsorganisationen seinerzeit lahmgelegt haben: "Die Grenze zwischen Einmischung und Unterstützung ist schmal." Der größte Teil der Spendengelder sei für Expertengehälter und Importe in die Geberländer zurückgeflossen, sagt Bellerive. Für seine eigenen Leute aber fehlte ihm jeder Cent. So muss ein viel zu kleiner städtischer Trupp den Erdbebenschutt teils mit bloßen Händen aus verstopften Kanälen entsorgen.