DIE ZEIT: Simon Baumann, Sie haben einen eindrücklichen Film über Ihren Geburts- und Wohnort Suberg gedreht. Er erzählt den Wandel von einer Dorfgemeinschaft zu einer Schlafgemeinde. Ist Suberg überall?

Simon Baumann: Suberg stellt den Schweizer Normalfall dar, es ist ein Dorf, dessen Eigenleben man den Bedürfnissen der Mobilität geopfert hat. Suberg ist lauter geworden, es gibt kein Zentrum mehr, keinen Dorfplatz, keine normale Beiz mehr, das Dorfleben ist zerstört.

ZEIT: Hier sitzen Ihre Eltern, die heute in Frankreich wohnen. Finden Sie es gut, dass sie Sie gezwungen haben, in Suberg aufzuwachsen?

Simon Baumann: Sagen wir es so: Ich war ihnen nie böse deswegen. Ein Grund für diesen Film war, dass ich herausfinden wollte, warum Suberg so geworden ist, wie es leider heute ist. Warum ist mir einfach nicht wohl in diesem Dorf? Warum wollte ich immer weg? Warum habe ich immer nur hier geschlafen? Durch diesen Film habe ich ein bisschen Anschluss im Dorf gefunden, ich bin im Männerchor, kenne nun ein paar Leute, das Dorf hat eine Seele bekommen für mich.

ZEIT: Sie haben sich durch Ihren Film eine Heimat erarbeitet?

Simon Baumann: Wenn man Heimat als den Ort definiert, wo Menschen leben, die man gerne hat, dann stimmt das.

ZEIT: Frau Baumann, Suberg war jahrzehntelang Ihre Heimat. Jetzt leben Sie auf einem Bauernhof in Frankreich. Sind Sie aus Ihrer Heimat geflohen?

Stephanie Baumann: Nein. Auch wenn ich nur eine Zugeheiratete bin: Der Hof in Suberg war schon meine Heimat. Ich musste nicht fliehen, obwohl ich immer gesagt habe: In Suberg lebt man nicht freiwillig. Aber mein Mann ist halt hier geboren, er wollte den Hof seiner Eltern übernehmen – und deshalb bin ich mit. Hätte ich frei wählen können, ich wäre sicherlich nicht nach Suberg gezogen.

ZEIT: Herr Baumann, Sie aber haben freiwillig in Suberg gelebt?

Ruedi Baumann: Ich bin hier geboren, im Wohnzimmer. Mir hat es gefallen in Suberg, die Jugend auf dem Bauernhof. Wir hatten die Milchsammelstelle, da kamen jeden Abend meine Kollegen vorbei. Ich habe mich integriert gefühlt. Ich war im Gemeinderat. Von all meinen Kollegen war ich wohl am längsten in Suberg, die andern sind früh weggezogen. Aber es hat sich viel nicht so entwickelt, wie ich es mir vorgestellt habe. Diese Bauerei, diese Industriezonen, das war nicht gut. Ich habe es versucht zu verhindern, bin aber in den Gemeindeversammlungen immer abgeblitzt.

ZEIT: Lag das an Ihnen?

Ruedi Baumann: Sicherlich auch. Ich bin eher der provokative Typ. Aber zu den Bauern hier hatte ich ein gutes Verhältnis.

ZEIT: Sagen diese Bauern, Sie hätten damals eigentlich recht gehabt mit Ihrem Widerstand gegen den Bauwahn?

Ruedi Baumann: Nein, so weit geht wohl keiner. Man nimmt uns ja offenbar immer noch etwas übel: Wir sollen die Unterführung bei der Bahnlinie, die das Dorf teilt, verhindert haben. Dabei hat am Schluss einfach das Geld gefehlt, um sie zu bauen.