Andreas Mühe ist ein junger deutscher Fotograf, auf den in der Branche gewettet wird, er werde einmal ein Star der Kunstszene. Das liegt auch daran, dass Mühe, der als Reportagefotograf begann, viel dafür getan hat, als Künstler wahrgenommen zu werden. Für sein bisher größtes Projekt Obersalzberg, das er in einem soeben erschienenen Bildband vorstellt, hat er dort fotografiert, wo Hitler Ferien machte: junge Männer in Nazi-Uniformen, kurios verfremdet; sie pinkeln in den Schnee oder lichten sich selbst mit einer Polaroidkamera ab. Die Bilder sind lustig und formal bestechend, aber Kritiker halten sich bisher auffallend zurück, sie zu bewerten. Schwieriges Gelände.

Nun versteigert das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach am 27. November in seiner Fotografie-Auktion eines von Mühes frühen Werken, ‚ Springer 1‘, Olympisches Dorf, Berlin . Das Bild stammt aus der Zeit, als Mühe, Jahrgang 1979, noch im Auftrag von Magazinen Reportagen und Porträts anfertigte. Seine Sujets waren Künstler, Musiker und andere Prominente, darunter auch die Kanzlerin. Die fotografierte er im Berliner Botanischen Garten wie ein kleines Mädchen, das verloren im Wald steht. Seitdem gilt er auch als Kanzlerfotograf.

Das Foto des Turmspringers gehört neben dem Porträt Angelas Merkels zu den stärksten Fotos aus dem Bildband ABC (2011) , der die frühen Arbeiten versammelt, und ist ein typischer Mühe: streng und kühl. Ein halbnackter Mann posiert wie ein Model auf einem baufälligen Sprungturm. Wie auch auf anderen Mühe-Bildern wirkt die Szene abgedunkelt, was den dramatischen Effekt des Motivs erhöht. Der Bildtitel legt offen, dass wir auf eine jener Sportanlagen blicken, in denen die Nazis 1936 ihre Olympischen Spiele abhielten. So setzt Mühe eine Assoziationskette in Gang: Leni Riefenstahls heroisierende Fotografien der Athleten, Sport als Propaganda, an Rassismus geknüpfte Herrschaftsfantasien – mit einem einzigen Foto verweist Mühe auf vielerlei historische Bezüge und bringt die Bilder in unserem kollektiven Gedächtnis zum Schwingen. Zugleich lässt er den analogen Aufwand spüren, den er mit seiner Großformatkamera betreibt.

Mit Bildern wie diesem hat sich Mühe den Weg vom Journalismus in die Kunst geöffnet. Grisebach schätzt es auf mindestens 3000 Euro. Für seine neueren Arbeiten verlangt Mühe bereits fünfstellige Preise.