Früher, vor 30 Jahren, war die TV-Fußballreportage eine stille Angelegenheit. Auf dem Rasen grätschten die deutschen Nationalspieler, in den Reporterkabinen saßen dezente Herren, sahen brütend das Geschehen und sprachen kein Wort. In bester Erinnerung ist mir der ehemalige NDR-Fußballreporter Fritz Klein, dessen trockene Lippen sich immer mit einem feierlichen Kreppverschlussgeräusch öffneten, sodass man schon Sekunden bevor Klein etwas sagte, hörte, dass er sich nun ein Herz fassen und etwas sagen würde. Meist sagte er dann nur den Namen des Spielers, der am Ball war, und am liebsten sprach er Namen aus, die nur eine Silbe hatten, weil das Atemluft sparte. Ballstafetten der deutschen Mannschaft schilderte er so: "Vogts (Pause) ... Held (längere Pause, Räuspern) ... Löhr ..." – und danach schwieg er wieder lange, weil ihn das Sprechen anstrengte und seine Mundschleimhäute austrocknete.

Das waren große Zeiten. Heute dagegen sind Fußballreporter sogenannte Field Reporter, zwangsanimierte, dumm "Wie fühlen Sie sich?" fragende Plaudertaschen, die nach dem Schlusspfiff den Kapitän abklatschen. Sie sagen nicht mehr, wie das Spiel war, sondern sie wollen vom Spieler wissen, wie der sich selbst fand. Sie sind am Trikottausch mit Mats Hummels interessiert, aber nicht an einer souveränen Analyse. So gibt der Kommentator die Deutung aus der Hand, und der Spieler rückt, als sein eigener Pressesprecher, in den Mittelpunkt des Diskurses. Ein großer Fußballer, so hieß es früher, müsse in der Lage sein, das Spiel zu "lesen". Das reicht aber nicht mehr. Der Spieler der Gegenwart muss fähig sein, ein Spiel zu erzählen – nach dem Schlusspfiff.

Jedoch: Warum eigentlich erst nach dem Schlusspfiff? Warum nicht während des Spiels? Im Eishockey wird in dieser Richtung schon experimentiert: Da gibt es Spieler, die mit Mikrofon und Kamera ausgestattet sind, sodass der Zuschauer sieht und hört, was sie, während der Kampfhandlungen, sehen und sprechen. Im Fußball steht diese Finesse noch aus, aber es ist das nächste große Ding: der Stürmer, der das Spiel kommentiert, das er soeben spielt. Hören wir einmal rein in eine Reportage der Zukunft: "Schweinsteiger spielt mir den Ball zu. Toll, wie er seine Leistung abruft! Nun ich: Mit einer Körperdrehung lasse ich drei Gegner ins Leere laufen. Wie gut, dass ich der Mannschaft helfen kann. Das Tor, das ich gleich schießen werde, widme ich unserem Präsidenten, der heute leider wieder nicht im Stadion sein kann. Ich spurte in den gegnerischen Strafraum, da hab’ ich alle Zeit der Welt, ich schieße – oh, vorbei! Das war eine hundertprozentige! Den muss ich doch reinmachen!"