Um 22.05 Uhr machte es "Zisch" auf dem Spielfeld des Giuseppe-Meazza-Stadions in Mailand. Das Geräusch war trotz des Gejohles der 80.000 Fans bis zur Trainerbank zu hören. Es klang, als verpasste ein Jockey seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte. 65 Minuten waren zu diesem Zeitpunkt im Freundschaftsspiel zwischen Italien und Deutschland gespielt, als Sami Khedira zu Boden ging und liegen blieb. Mit der einen Hand umfasste er das rechte Knie, mit der anderen winkte er Hilfe herbei, während er sein Gesicht in den Rasen drückte. Wahrscheinlich ahnte der Nationalspieler bereits in diesem Moment, was geschehen war: Das vordere Kreuzband im rechten Knie war gerissen und ebenfalls das rechte Innenband.

Ein Drama für den 26 Jahre alten Sami Khedira und nicht nur für ihn. Erschrocken fragt sich ganz Fußballdeutschland: Schafft Khedira das Wunder, wird er rechtzeitig wieder fit? Überhaupt: Wie soll die Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Brasilien bestehen, wenn die Hälfte des Teams ein gutes halbes Jahr vor dem Ereignis durch Verletzungen ausfällt? Ist die Häufung der Verletzungen eine Folge des körperlich immer anspruchsvolleren, zunehmend temporeicheren Spiels – und wer trägt eigentlich die Verantwortung für unsere Talente?

Khedira verletzte sich ohne Körperkontakt mit seinem italienischen Gegenspieler, die Hälfte aller Kreuzbandrisse im Profifußball entstehen ohne Fremdeinwirkung. Er bewegte sich einfach ungeschickt, war unkonzentriert oder übermütig – nur für einen kleinen Moment, in dem sich so vieles änderte. Bis zum Abend des 15. November 2013, des Tags der Verletzung, war Nationalmannschaftstrainer Joachim Löw die wichtigste Bezugsperson Sami Khediras. Nach dem Ausscheiden des ehemaligen Kapitäns Michael Ballack vor drei Jahren baute Löw den defensiven Mittelfeldspieler Khedira zu einer der wichtigsten Säulen der Mannschaft auf. Die gegenseitige Wertschätzung der beiden geht über das Fußballspiel hinaus.

Jetzt hat Ulrich Boenisch, 52, die Rolle von Joachim Löw übernommen. Sami Khedira legte seine sportliche Zukunft in die Hände des ärztlichen Leiters der Hessingpark-Clinic in Augsburg. Boenisch sei ein leiser Mann, kein Wichtigtuer, sagen Kollegen. Durch die schwarzen Haare schimmern graue Ansätze, wenn Boenisch nicht im Operationssaal steht, dann trägt er Hemd und Krawatte unter dem weißen Arztkittel.

Die Operation bei Khedira erfolgte am Folgetag der Verletzung. Vorsichtig ersetzte der Operateur das verletzte Band mit einer Sehne aus dem Körper des Patienten, meist geschieht dies mit der Patellasehne. Der Eingriff verlief ohne Komplikationen, Operationen wie diese dauern zwischen 60 und 120 Minuten – je nach Schweregrad der Verletzung und der Begleitverletzung.

Der Arzt wird zum gefragten Mann

Die größte Schwierigkeit bei einem solchen Eingriff liege darin, das neue Band genau an die richtige Stelle zu positionieren, damit eine optimale Funktion des Kniegelenkes ermöglicht werde, sagt Boenisch im Gespräch mit der ZEIT. Abgesehen davon, stand der Operateur mit seinem Augsburger Team in diesem Fall unter besonderer Beobachtung. Hinter ihnen standen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Arzt der deutschen Nationalmannschaft, sowie Jesús Olmo und Francisco Morate, die Vereinsärzte von Real Madrid. "Dies erhöht natürlich den Druck", sagt Boenisch. Die Beobachtungen dienten den Ärzten jedoch beim Erstellen und Umsetzen des Reha-Plans. Es sei nachzuvollziehen, dass jeder Verein einen so wichtigen und wertvollen Spieler am liebsten mit eigenen Ärzten versorgen wolle. Denn da liegt ja nicht irgendjemand. Mit knapp 21.000 Euro pro Tag soll die Fifa Real Madrid für den Ausfall Khediras entschädigen, weil die Verletzung während eines Länderspiels passiert ist.

Boenisch genießt auf seinem Gebiet einen ähnlichen Ruf wie Joachim Löw in der Fußballwelt. Er hat auf Hawaii, in Boston und München studiert, ist Facharzt für Orthopädie, seine Spezialität sind Knie- und Schultergelenke. Zwischen 300 und 400 Kreuzbänder ersetzt er im Jahr. Er arbeitete für den Deutschen und amerikanischen Skiverband sowie den Deutschen Eishockeybund, auch die Tänzerinnen des Basler Balletts hat er betreut. Seit 2003 konzentriert er sich auf Fußballergelenke.

Bisher arbeitete Boenisch im Hintergrund. Zu viel Öffentlichkeit schade seinem Ruf, sagt er. Vom Augenblick der Verletzung an werde in den Medien der mögliche Zeitpunkt einer Rückkehr des Spielers diskutiert. "Schafft der Patient ein Comeback nach sechs Monaten, dann sind Sie als Arzt der Hero", sagt Boenisch. Ziehe er sich dann aber den zweiten Riss zu, dann könne man beobachten, wie die Patientenzahlen zurückgingen.

Dass Boenisch nun doch einer der meistgefragten Gesprächspartner unter den Medizinern in Deutschland geworden ist, hat er Real Madrid zu verdanken. Der Verein veröffentlichte den Namen des behandelnden Arztes. Seitdem stehen Fotografen wartend vor dem Klinikgebäude, drehen Reporter mit Videokameras aus ihren parkenden Autos.

Natürlich beobachte auch Boenisch im Umfeld einer Behandlung, wie vielfältig die Interessenlage sei, in der sich ein Fußballer bewege.