Der Regen schlägt gegen die Windschutzscheibe. Daria Büschi hofft, dass sie diese Strecke zum letzten Mal fährt. Nie wieder möchte sie den Mann sehen, zu dem sie unterwegs ist. Nicht, weil sie ihn nicht mag. Im Gegenteil. Sie hofft, dass er es schafft. Dass sie ihm nie wieder eine Fußfessel anlegen muss.

Seit einem Jahr besucht die Fachfrau für Justizvollzug im Auftrag der Abteilung Bewährungshilfe und Alternativer Strafvollzug des Kantons Bern Straftäter. Sie klärt, ob einer geeignet ist, eine Fußfessel zu tragen. Dafür muss er eine Wohnung haben und Arbeit, keine Drogenprobleme und körperlich wie geistig gesund sein. Lieb ist Daria Büschi auch, wenn der Bewerber in festen Händen ist. Denn wer gebunden ist, so ihre Erfahrung, ist zuverlässiger, ordentlicher, disziplinierter. Wer dies nicht ist, weiß Büschi, wird scheitern.

Bisher kennen sieben Schweizer Kantone den Strafvollzug mittels Fußfessel, darunter seit 1999 auch der Kanton Bern. In Zukunft soll sie bei kurzen Gefängnisstrafen (20 Tagen bis 12 Monaten) oder als Vollzugslockerung am Ende einer langen Haftstrafe in der ganzen Schweiz eingesetzt werden können. Hintergrund sind die guten Erfahrungen, aber auch finanzielle Überlegungen. Mit der Wiedereinführung der kurzen Haftstrafen, denen der Nationalrat vor zwei Monaten zugestimmt hat, würde die Platznot in den Gefängnissen noch größer. Außerdem gibt es keinen kostengünstigeren Strafvollzug als den per Fußfessel. Marianne Isenschmid, die Vorgesetzte von Daria Büschi, sieht aber vor allem auch einen Gewinn für die Gesellschaft: "Der Vollzug findet im Lebensumfeld statt. Mit dem strengen Wochenplan und einer professionellen Begleitung werden Probleme aktiv angegangen. Das ist mit Blick auf die Rückfallgefahr von enormer Bedeutung, wie wir aus diversen Studien wissen."

Mit einer "gesunden Anspannung" geht Daria Büschi zu ihren Klienten. Angst hat sie nie, einen erhöhten Puls immer mal wieder. So wie früher, als sie noch im Gefängnis arbeitete. Daran hat auch der "Fall Marie" nichts geändert. Jener Fall im Kanton Waadt, der im Mai für Schlagzeilen sorgte, nachdem ein vorbestrafter Mörder seine Exfreundin entführt und getötet hatte. Der Mann trug eine Fußfessel. Das politische Nachspiel ist noch nicht abgeschlossen.

Bevor Büschi den Mann, den wir hier Ihab nennen, zum ersten Mal besuchte, erhielt sie seinen Brief. Ein Gesuch, in dem er darum bittet, seine Strafe im Hausarrest zu verbüßen. Nun begrüßt uns Ihab, der 22 Jahre junge Straftäter, der in vier Jahren "so viel Scheiße gebaut hat", dass er den Überblick über Delikte, Strafen und Bußen längst verloren hat, an der Tür seiner Wohnung. Würde er über die Schwelle treten, würde der Sender an seinem Fußgelenk einen Alarm auslösen.

Nur Ihabs engstes Umfeld weiß, dass er absitzt

Ihab bittet in die Wohnung, die im vergangenen Monat sein Leben begrenzt hat. 21 Stunden pro Tag musste er hier verbringen. Zwei Stunden über Mittag und eine Stunde am Abend durfte er raus. Gearbeitet hat er zu Hause für ein Callcenter. "Das Schwierigste ist", sagt er, "dass man alles im Voraus planen muss, dass die Fußfessel das Leben bestimmt und einen ständig an die Dinge erinnert, die man angerichtet hat." Das ist die Strafe. Dass man fragen muss, wenn man zu einer anderen Zeit als geplant zum Arzt muss. Dass man den Briefträger über die Gegensprechanlage bitten muss, an die Tür zu kommen, weil man nicht zu ihm darf. "Weil ich aber weiß, was die Alternative wäre, nehme ich es in Kauf und bin sogar dankbar."

Bevor Ihab aus dem Haus geht, zieht er den rechten Socken hoch und die Kampfhose tief über den Knöchel. Außer seinem engsten Umfeld weiß niemand, dass er absitzt. "Früher hätte ich damit geprahlt, heute schäme ich mich", sagt er. Überhaupt würde er lieber über seine Tochter sprechen. Darüber, dass er und seine Partnerin weder Schulden haben noch auf Sozialhilfe angewiesen sind und dass er sein Leben heute im Griff hat.

Ihab war acht, als er mit seiner Familie in die Schweiz kam. Er kämpfte sich durch die Schule, begann eine Lehre, brach ab, so wie viele seiner Kollegen. Bald spielte sich sein Leben nur noch am Bahnhof ab. "Man traf sich, hängte ab, kam auf dumme Ideen. Heute denke ich: schrecklich! Schrecklich!" Diebstahl, Überfälle, Körperverletzung, "so Sachen halt". Verkehrsdelikte, Hausfriedensbruch, irgendwann auch Raub. "Klar hat man gemerkt, dass man Probleme mit der Polizei hat, aber es war alles egal." Egal auch, weil die Drogen, die man konsumierte, bewirkten, dass "nichts ernst und alles ein Spiel" war. "Marihuana, Amphetamine, Kokain, LSD, ich konsumierte, was ich auftreiben konnte."

Hey, Mann, Scheiße, Mann. Das war das Lebensgefühl von damals. Bußen bezahlte Ihab nicht. Strafen waren ihm egal. "Ich lebte gar nicht in der Gesellschaft." Drei Monate in Untersuchungshaft nach einem Raubüberfall ließen ihn kalt. Genauso eine 14-monatige, bedingte Gefängnisstrafe, zu der er verurteilt wurde. Die Bewährung wurde auf vier Jahre angesetzt, später auf acht Jahre erhöht.