Die Frage nach der Zukunft der österreichischen Gletscher kann Georg Kaser nicht mehr hören. Auf der Zugfahrt von Wien nach Innsbruck ziehen soeben die ersten Tiroler Gebirgszüge an den Fenstern vorbei. Im Grunde dürfe ihn die Frage nicht nerven, meint Kaser, aber es komme ihm vor, als sei für die Österreicher einzig das Schicksal der heimischen Gletscher von Interesse, wenn die Auswirkungen des Klimawandels zur Debatte stehen. Es gehe jedoch um das große Ganze, um ein globales Problem, das nur global gelöst werden könne. Die Zukunft der Pasterze am Großglockner oder des Hintereisferners in den Ötztaler Alpen seien dabei nicht einmal Fußnoten.

Georg Kaser liebt Gletscher seit seiner Jugend. Die Leidenschaft hat der heute 60-Jährige zu seinem Beruf gemacht. Als Glaziologe an der Universität Innsbruck legte er eine Weltkarriere hin. Der Südtiroler ist einer der renommiertesten Gletscherforscher der Welt und arbeitete als einziger Wissenschaftler aus Österreich bereits zum zweiten Mal beim Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) mit, dem Weltklimarat der Vereinten Nationen, dem 2007 gemeinsam mit Al Gore der Friedensnobelpreis verliehen wurde.

Der IPCC-Report ist das weltweite Standard-Nachschlagewerk zum Klimawandel, die Grundlage für internationale politische Verhandlungen zur globalen Erwärmung. Im nun erschienenen Bericht wurde zum fünften Mal seit 1992 der wissenschaftliche Kenntnisstand zur globalen Erwärmung gesammelt. Die Erstellung ist ein mühsamer und jahrelanger Prozess. 209 Leitautoren, darunter Georg Kaser, und 500 weitere Mitarbeiter sind daran beteiligt.

Am Ende wurde mit Vertretern aller Regierungen die Summary for Policymakers erstellt. In tagelangen Verhandlungen wurde in Stockholm um jede Zeile debattiert und um jede Formulierung gerungen, am letzten Tag 24 Stunden lang, ohne Unterbrechung

Georg Kaser schläft derzeit wenig. Seit Monaten ist er auf Achse. Er trägt gelbe Sportschuhe und ein blaues T-Shirt, den schweren Aluminiumkoffer, aus dem er derzeit lebt, hat er neben dem Sitz abgestellt. Er wirkt nicht wie ein Professor, eher wie ein Alpinist, der müde und ausgelaugt von einer langen, mühevollen Expedition zurückkehrt ist.

Im September verhandelte er in Stockholm, pendelte dann zwischen Vorträgen in Wien und Vorlesungen in Innsbruck hin und her. Nur ein paar Tage verbrachte er bei seiner Frau in Meran, bevor er vergangenes Wochenende bei der Weltklimakonferenz in Warschau Vorträge über den Rückgang der Gebirgsgletscher und neue Erkenntnisse zur Kryosphäre, dem mit Eis bedeckten Teil der Erde, hielt.

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Georg Kaser spricht vorsichtig, untermauert alles mit Beispielen und wissenschaftlichen Referenzen. Bei Fragen, die nicht in sein Fachgebiet fallen, winkt er ab. Die Klimadebatte findet in einem Minenfeld statt. Er weiß, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird, von Politikern, Journalisten, Kollegen. "Wenn ich im Fernsehen gefragt werde, was die Politik tun müsse, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, dann antworte ich nicht", sagt er. "Das wurde mir oft als Arroganz ausgelegt, aber nur so kann ich meine Glaubwürdigkeit und meine Aussagekraft erhalten." Er will keine Ratschläge erteilen, sondern Forschungsergebnisse vorlegen. Er sei kein Umweltschützer, Politik müssten andere machen.

Viele Klimaforscher sahen ihr Gewerbe anders. Sie versuchten mit möglichst drastischen Bildern Aufmerksamkeit zu erheischen und dienten sich Medien als willfährige Propheten der Apokalypse an. Berühmt wurde beispielsweise das von wissenschaftlichen Modellrechnungen inspirierte Cover des Nachrichtenmagazins Spiegel aus dem Jahr 1986, auf dem unter dem Titel Die Klima-Katastrophe der Kölner Dom unter Wasser stand.

Die Wissenschaft wurde so zum Verbündeten der Umweltschützer. "Statt nur ihren Job zu tun, das Klimasystem und seine Reaktion auf den Treibhausgaseintrag zu erforschen und der Politik Handlungsoptionen aufzuzeigen, suggerierten nicht wenige Klimaforscher der Öffentlichkeit, ihre Befunde determinierten eindeutig, wie nun zu handeln sei", schreiben der Klimaforscher und frühere IPCC-Autor Hans von Storch und der Küstenforscher und Ethnologe Werner Krauß in dem Buch Die Klimafalle – Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung.