Tief unter den Straßen von London streben Ada, Phyllis und Sophia auf einem gewaltigen Durchbruch zu. Seit Jahren drehen sich die drei Bohrmaschinen, jede von ihnen hat ein Gewicht von tausend Tonnen, durch die Erde. Sie graben einen 42 Kilometer langen Tunnel für eine neue Transitverbindung quer durch London. Ab 2018 soll diese den Flughafen Heathrow im Westen mit der City of London und dem Umland im Osten verbinden. Mindestens 15 Milliarden Pfund kostet der Tunnel, es ist eines von diesen Jahrhundertprojekten, die sich im Heute nicht rechnen, aber eine bessere Zukunft, also mehr Wohlstand verheißen. Denn als die Bohrmaschinen im Jahr 2009 loslegten, steckte Großbritannien tief in der Wirtschaftskrise. Mit dem Durchbruch zum Aufbruch, so sollte es sein.

Wenn man den Baulärm in den Straßen der britischen Hauptstadt hört, dann scheint das zu gelingen. In und um das neue Bankenviertel entstehen reihenweise neue Wolkenkratzer. Im East End ersetzen Apartmentblocks mit Pförtnerlogen vergammelte Lagerhäuser, und weiter westlich entlang der Themse soll ein komplett neuer Stadtteil entstehen.

London fühlt sich schon lange nach Aufschwung an, und auch die neuesten Zahlen machen Mut. Vergangene Woche erhöhte der Chef der Bank of England, Mark Carney, die Wachstumsprognosen für das laufende und für das kommende Jahr auf 1,8 beziehungsweise 2,8 Prozent. Auch die Arbeitslosenquote sank schneller als erwartet. Sie liegt jetzt wieder bei 7,6 Prozent. "Der Aufschwung hat Fuß gefasst", sagte Carney.

Grund zur Sorge gibt es dennoch. Die britische Wirtschaft hat sich in zwei Welten geteilt. London hat sich vom Rest des Landes abgekoppelt und dient nun als falsches Vorbild. Der neue Aufschwung wiederholt die alten Fehler.

Simon Allen muss es so vorkommen, als hätte er die vergangenen fünf Jahre in einer parallelen Dimension verbracht. Kaum eine Spur von Wirtschaftskrise hat der Versicherungsmann erlebt. "Wir hatten Glück", sagt der Vorstand des Versicherungskonzerns AON mit routinierter Bescheidenheit. "Unsere Branche hat von den Problemen der Banken kaum etwas zu spüren bekommen." Abseits der zahlreichen Skandale bei den großen Geschäftsbanken, die vom britischen Steuerzahler gerettet werden mussten, blieb die City of London für andere Dienstleister, was sie immer war, nämlich einer der wichtigsten globalen Standorte. Und der wurde auch durch die Krise nicht unattraktiver.

In die britische Geschichte mag 2010 als das finsterste Jahr der schlimmsten Rezession eingehen. In der Geschichte von AON ist es das Jahr, in dem Simon Allen und seine Vorstandskollegen einen Gewinn von 18 Milliarden Dollar auswiesen und beschlossen, den Hauptsitz von Chicago nach London zu verlegen. "London liegt zwischen den Zeitzonen. Von hier aus können wir sowohl das Stammgeschäft in den USA als auch das der Wachstumsmärkte in Asien betreiben", begründet Simon Allen den Umzug. Außerdem biete keine Stadt besser qualifizierte und vielseitigere Arbeitskräfte. So ist Simon Allen quasi dafür verantwortlich, dass neben der "Gurke" nun noch ein zweiter Hingucker entsteht: der "Käsehobel", ein 224 Meter hoher, gläserner Keil. Er würde nicht gebaut, wenn AON den Mietvertrag für einen großen Teil des Gebäudes nicht lange vor Baubeginn unterschrieben hätte.

Auch die Investmentbank Goldman Sachs setzt neben der Wall Street auf den Standort London. Nahe der St. Paul’s Cathedral wird in den kommenden Jahren ein neues Gebäude errichtet, das auf neun Stockwerken fast doppelt so viel Bürofläche bieten wird wie die Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt. Eine "globale Bankenfabrik" solle dort entstehen, was, so das verantwortliche Planungsbüro DP9, "die Position Londons als eines der herausragenden globalen Geschäftszentren" bestätige. 275 Milliarden Dollar wurden im vergangenen Jahr weltweit in Geschäftsimmobilien investiert, davon 20 Milliarden an der Themse.

Zunehmend kommen Großinvestoren auch aus Asien. Ein Konsortium aus Malaysia will acht Milliarden Pfund ausgeben, um aus einem ausgedienten Kraftwerk am Ufer der Themse das Herzstück eines neuen Stadtteils zu machen. Innerhalb von zehn Jahren soll auf dem industriellen Brachland von Nine Elms ein neues Quartier mit mehr als 16.000 Wohnungen entstehen, dazu Büros, Geschäfte, Parks, U-Bahn-Anschlüsse und Prestigebauten wie die neue Botschaft der USA.

"London gilt als die globale Boomtown", sagt der Analyst Liam Bailey von der Maklerfirma Knight Frank. "Für ausländische Investoren wird die Stadt also nur noch attraktiver, als sie es ohnehin schon ist." Nach einem kurzen Knick liegen die Immobilienpreise auch bereits 20 Prozent über ihrem Höchststand vor dem Crash. Hier konnte die Rezession ihre heilende Wirkung also nicht entfalten. Liam Bailey sieht dennoch keine große Gefahr für die Zukunft. London könne das verkraften, nicht zuletzt, weil die Bevölkerung bis 2030 um zwei Millionen Menschen wachsen werde.