Diese Regierung wird schon fertiggemacht, bevor sie angefangen hat zu arbeiten: Die Große Koalition habe kein Ziel, keinen inneren Sinn, verschleudere das Geld, befeuere den Untergang der SPD, missachte das Parlament, lähme das Land. Große Koalition sei großer Mist.

Früher gehörte es zu den guten politischen Sitten, einer neuen Regierung 100 Tage Schonfrist im Amt zu gewähren. Diese Frist ist auf null geschrumpft. Alles wird sofort in die Tonne getreten, miesgemacht, runtergeschrieben. Gegen die Große Koalition, die gerade gebildet wird, macht eine große Koalition der Vorab-Nörgler Front, von den Wirtschaftsverbänden bis zur SPD-Basis. Täglich liefert sie ihre Verdikte, zuverlässig und brutal. Die Richter Gnadenlos übersehen nur eins: das Wahlergebnis.

Denn die Deutschen haben am 22. September weder der Mittelstandsvereinigung der Union noch dem linken Flügel der SPD zur absoluten Mehrheit verholfen – und schon gar nicht dem Arbeitgeberverband. Sie haben das bekommen, was sie sich gewünscht haben: die Chance auf eine Koalition aus CDU/CSU und SPD. Das Gestänker gegen eine Regierung, die es noch gar nicht gibt, kommt nicht nur schneller, als Sigmar Gabriel Mindestlohn sagen kann. Es missachtet auch den Wunsch der Wähler.

Im Zeitalter des Vorab-Verrisses gilt: Vorher ist man immer schlauer

Dabei tragen die künftigen Koalitionäre durchaus ihren Teil zum Unmut bei. Die Genossen etwa beschäftigen sich mehr mit sich selbst als mit dem Regierungsprogramm; sie hangeln sich von einer Therapiesitzung (wahlweise: Parteitag, Parteikonvent, Regionalkonferenz) zur nächsten; sie demontieren öffentlich ihre Führung und leiden so ausdauernd an ihrem Wahlergebnis, dass man schon sehr genau aufpassen muss, um von der schlechten Laune der SPD nicht selbst angesteckt zu werden.

Und die Union? Kaschiert mühsam ihre akute Inhaltsleere und trägt zur Ablenkung Scheingefechte aus: Öffentlich wird gegen Mindestlohn und doppelte Staatsbürgerschaft gewettert – dabei ist intern längst entschieden, dass beides kommen wird.

Am stärksten beschädigen sich die Koalitionäre in spe, indem sie die Illusion nähren, die Zukunft sei planbar. Über Wochen verhandeln sie in einem Wust von Arbeitsgruppen, beraten in Runden von Gesangsvereinsgröße, leiten in ein Lenkungsgremium weiter und entscheiden dann doch in kleiner Runde. Wenn sich ganz viele Menschen ganz oft treffen, so die Botschaft, dann passen am Ende die kommenden vier Jahre in einen Koalitionsvertrag. Doch die Zukunft lässt sich nicht in Kapitel einteilen, durch Spiegelstriche domestizieren, in ein Abkommen bannen. Sie orientiert sich nicht an dem, was Parteien in der Gegenwart aufschreiben. Je exakter SPD und Union jetzt ihre Zukunft definieren, desto heftiger kartätschen die Kritiker vor der Zeit alles nieder, was gar nicht gewiss ist.