Wie viel sind die bei Cornelius Gurlitt gefundenen Bilder wert? Neben den moralischen, politischen und rechtlichen Problemen trieb auch diese Frage die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen um. Der Focus schätzte den Fund in seiner ersten Enthüllungsgeschichte auf eine Milliarde Euro – und es war wahrscheinlich auch diese Summe, die der Verbreitung der Geschichte einen besonderen Drall gab: ein unfassbar wertvoller Schatz, weitgehend ungesichert von einem Eremiten in einer Schwabinger Neubauwohnung versteckt. Dabei ist bisher völlig unklar, wie diese Schätzung zustande kam, die schütteren Fakten zur Sammlung lassen einen weitaus geringeren Gesamtwert vermuten. Aber eben nur vermuten.

Die Experten aus den großen Auktionshäusern halten sich mit Schätzungen zurück: Florian Illies vom Auktionshaus Villa Grisebach in Berlin hält zum jetzigen Zeitpunkt jegliche Schätzung von Außenstehenden für unseriös. Karl Sax-Feddersen vom Kölner Auktionshaus Lempertz spricht von "Kaffeesatzleserei". Und Michaela Derra aus dem Münchner Auktionshaus Ketterer weist ebenfalls darauf hin, dass man für eine solide Schätzung jedes einzelne der gut 1200 Kunstwerke im Original untersuchen müsse. Bisher sind aber nur schlechte Reproduktionen von jenen Bildern bekannt, bei denen der Verdacht auf NS-Raubkunst besonders dringend ist. Ob es sich bei dieser Bildergruppe um eine qualitativ einigermaßen repräsentative Stichprobe aus der Sammlung handelt, ist völlig unklar. Selbstverständlich wird trotzdem über die Preise der bereits veröffentlichten Kunstwerke spekuliert, Henri Matisse’ Gemälde Sitzende Frau, das die Nazis einst dem französischen Galeristen Paul Rosenberg raubten, könnte je nach Zustand eventuell eine niedrige zweistellige Millionen-Euro-Summe wert sein. Könnte! Das Gemälde von Max Liebermann Reiter am Strand, aber auch Papierarbeiten wie eine Gouache von Marc Chagall oder ein Aquarell von Otto Dix könnten mit sechsstelligen Euro-Summen taxiert werden. Blätter wie die von Wilhelm Lachnit aber, die ebenfalls unter den Veröffentlichungen der Staatsanwaltschaft in der Datenbank Lost Art zu finden sind, werden derzeit auf dem Kunstmarkt eher für ein paar Hundert Euro gehandelt.

Die Frage nach dem Wert der Sammlung wird für das weitere juristische Verfahren oder Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und Cornelius Gurlitt noch von Bedeutung sein. Wichtiger aber ist zunächst die Frage, unter welchen Umständen die Kunstwerke in den Besitz der Familie Gurlitt kamen. Und wer sie in Zukunft besitzen darf.