Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

In der ARD veranstalten sie eine Themenwoche über das Glück. Ich lege ja auf Glück keinen gesteigerten Wert. Glück finde ich furchtbar. Ich hatte einen Freund, dem es gut ging. Er lebte mit einer, soweit ich das beurteilen kann, sympathischen Frau zusammen, er war aus kleinen Verhältnissen zu einem beachtlichen Wohlstand aufgestiegen, hatte das, was man einen "interessanten Job" nennt, war pumperlgesund, alles prima. Wenn wir zusammen essen waren, klagte dieser Mensch fast ununterbrochen. Ärger mit dem Chef. Die Karriere geht nicht mehr voran. Die Frau, na ja, perfekt war sie nicht. Und dann auch noch der unerfüllte Kinderwunsch. Das sind alles Probleme, ohne Zweifel. Wobei ich sicher bin, dass er im Falle einer Erfüllung des Kinderwunsches ansatzlos damit begonnen hätte, über den Stress und die Doppelbelastung zu klagen.

Unsere Vorfahren waren bekanntlich völlig zufrieden, wenn sie überlebten. Um überleben zu können, hatte man gut zu tun. Genug zu essen und es schön warm zu haben und in der Nacht nicht alleine zu sein, das war schon richtig super. Für alle weiter gehenden Wünsche war das Jenseits zuständig. Jetzt geht es uns etwas besser, jetzt wollen wir das Optimum.

Die einzige brauchbare Definition von "Glück" heißt für mich: Du bist in der Lage, dich an dem zu erfreuen, was bei dir gut läuft. Den ganzen Rest kannst du vergessen. Du kannst einen geglückten Moment erkennen und ihn auskosten. Mehr geht nicht, mehr ist nicht im Angebot. Die Suche nach dem perfekten Leben ist die sicherste Methode, unglücklich zu enden. Eigentlich weiß das jeder. Man hält sich nicht daran, weil das Leben so ähnlich funktioniert wie eine Zeitung. In der Zeitung stehen vorne ganz groß die Katastrophen, die Kriege, die Trennungen und die Krisen. Wenn man die Zeitung liest, denkt man: eine schreckliche Welt. Aber so schrecklich ist die Welt in Wirklichkeit gar nicht.

Die Suche nach dem vollkommenen Glück ist der Totalitarismus des kleinen Mannes. Gefährlich wird die Sache, wenn sie Staaten oder Bewegungen erfasst. Wenn ein System vollkommene Gerechtigkeit verspricht, totale Freiheit oder das Glück auf Erden für alle, kann man nur sehen, dass man schnell das nächste Flugzeug erwischt, in ein Land, in dem die Leute in Ruhe ein bisschen unglücklich oder ungerecht sein dürfen.

Das Lexikon sagt: Die Erfüllung menschlicher Wünsche und unseres Strebens, das heißt Glück. Demnach ist das Glück ein Zustand der Wunschlosigkeit. Quallen und Fadenwürmer sind wahrscheinlich glücklich. Glück muss wahnsinnig langweilig sein. Jemand ist Fan, sagen wir, von Bayern München. Wenn Bayern München jahrelang immer nur gewinnt, bedeutet dies für den Fan anfangs die pure Euphorie, später ist es angenehm, aber dann wird es, ganz allmählich, sehr, sehr traurig. Die Siegesfeiern werden immer routinierter, bis schließlich keiner mehr freiwillig hingeht.

Ich muss das nicht haben. Ich will mich auch mal ärgern, ich will auch traurig und wütend sein. Wenn du krank warst und zum ersten Mal wieder spazieren gehst, wenn du gefeuert wurdest und einen neuen Job angeboten bekommst, wenn du alleine warst und jemanden gefunden hast, das sind die besten Momente. Wenn aber kein einziger meiner Wünsche erfüllt wird und mein gesamtes Streben vom Schicksal komplett ignoriert wird, ist das natürlich auch ungut. Irgendwo zwischen dem Glück und dem Unglück liegt die Zone, wo es sich am besten leben lässt.