Ihre politischen Dramen führen die Franzosen gern in historischen Kostümen auf. Während ihrer großen Revolution waren sie Römer, heute beschwören viele die Situation vor dem Schicksalsjahr 1789 herauf: Die Rede ist von dem Minister Anne Robert Jacques Turgot, einem frühen Anhänger des Liberalismus, der im Jahr 1774 versuchte, die über die Ufer getretenen Staatsfinanzen des Landes einzudämmen. "Keine Steuererhöhung, keine Verschuldung", forderte Turgot damals von seinem König, Ludwig XVI. Nur durch eisernes Sparen könne der Monarch die "Ruhe im Inneren, die Anerkennung im Ausland und das Glück der Nation" wiederherstellen.

Der König wagte es nicht. Wagt es François Hollande, der heute an der Staatsspitze steht? Sein Land steckt in einer Schuldenkrise. Die Bürger werden rebellisch. Und im Ausland kommen gar Zweifel auf, ob die Regierung in Paris die Lage überhaupt noch im Griff hat. Besonders die Deutschen sind besorgt: Frankreich ist ihr wichtigster Partner in Europa, politisch und wirtschaftlich. Würde das Land in einer Krise versinken, stünde Europa vor einer neuen, unbekannten Situation.

Seit der Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 hat sich Frankreichs Wirtschaft nicht mehr erholt, das Wachstum liegt seit nun schon fünf Jahren bei durchschnittlich null Prozent. In der gleichen Zeit ist die Arbeitslosigkeit von acht auf über elf Prozent gestiegen. Zugleich schnellten die öffentlichen Ausgaben auf 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts empor. Wachstum hat das nicht erzeugt. Bezahlen lässt sich diese Ausgabenwut auch nicht mehr. Weitere Staatsschulden verbietet Brüssel. Und die Bürger laufen Sturm gegen weitere Steuererhöhungen.

Im September verschickte das Finanzamt die Bescheide. Für viele aus den Mittelschichten ein Schock: Hatte Hollande nicht versprochen, sie zu schonen? Nun ist der Protest groß. Im ganzen Land entstehen Bürgerbewegungen, einige stellen gar die Staatsmacht als Ganze infrage. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in den französischen Staat im Ausland. Die amerikanische Rating-Agentur Standard & Poor’s stufte Frankreichs Kreditwürdigkeit im November erneut herab. Mit ihr verfallen auch die Umfragewerte des Präsidenten. Noch nie seit Gründung der Fünften Republik durch General Charles de Gaulle im Jahr 1958 war ein französischer Staatschef so unbeliebt wie derzeit der Sozialist Hollande.

Nun weiß jeder französische Schüler, wie die Geschichte mit Turgot im 18. Jahrhundert ausging: Der strenge Minister wurde abgesetzt, sein König bekam die Staatsfinanzen nie unter Kontrolle und büßte dafür unter der Guillotine der Revolution. Könnte sich die Geschichte in Frankreich wiederholen, oder, wie das französische Wochenmagazin Le Point ernstlich besorgt fragte: "Befinden wir uns in einer revolutionären Lage?" Denkbar ist alles. Mit dem Unterschied, dass die französischen Bürger 1789 die Krise zum Ausgangspunkt nahmen, um für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in ganz Europa zu kämpfen. Während heute der große Rückschlag droht: ein Frankreich, das sich aus Europa zurückzieht, seine Grenzen dichtmacht, dem Protektionismus verfällt.

Nichts anderes will der hart rechte Front National, der in Umfragen zur Europawahl heute die stärkste Partei des Landes ist. Bisher hält ihn das strikte Mehrheitswahlrecht vom Pariser Staatszentrum fern. Ein Durchbruch bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2017 ist aber nicht ausgeschlossen. Man stelle sich nur das Szenario vor: eine Stichwahl zwischen Hollande oder, wahrscheinlicher, einem bürgerlichen Politiker und der rechtsradikalen Marine Le Pen – und eine starke nationalistische Fraktion in der Nationalversammlung. Es wäre ein Schock für ganz Europa.

Vorreiter der neuen, populistischen Protestbewegung ist die Bretagne. Wer hätte noch vor Wochen gedacht, dass ausgerechnet sie sich erhebt? Erst vor eineinhalb Jahren stimmten die Bretonen mit über 56 Prozent für den Sozialisten Hollande als Präsidenten. Am ersten Novemberwochenende aber forderten 30.000 Bretonen in dem Küstenstädtchen Quimper lautstark: "Hollande: Trete zurück!"