Es war eine Demonstration, wie sie in Deutschland unvorstellbar ist: Unternehmer und Gewerkschafter gingen vereint auf die Straße, ebenso rechte und linke Parteigänger. Keiner von ihnen trug ein Verbands- oder Parteisymbol. Was sie einte, war das allgegenwärtige Ohnmachtsgefühl angesichts der Globalisierung und eine Geschichte, in der das Volk auf der Straße immer recht behalten hatte.

Unter den Demonstranten befand sich zum Beispiel der 50-jährige Unternehmer Olivier Aubertin, Besitzer eines unabhängigen Supermarktes mit 50 Angestellten. Er ging im blauen Mantel mit blauem Seidenschal und hellen Lederschuhen zur Demo. Ein eleganter Herr. Doch er schimpfte wie die halb vermummten Jungen in ihren grauen Kapuzenpullovern neben ihm. "Natürlich kämpfen wir gegen den Staat, gegen die zu hohen Steuern. Wir Bretonen sind Leute, die hart arbeiten. Aber wir haben heißes Blut", sagte Aubertin. Über ihm glänzte die alte Kathedrale von Quimper in der Herbstsonne.

Konnte man sich im Ausland vorstellen, welche Alarmglocken die Bretonen in Paris auslösten? Nein, offenbar nicht. Denn die Kritik war auch in Deutschland laut und überall vernehmlich, als die französische Regierung ihren bretonischen Widersachern sogleich Zugeständnisse machte, Steuerpläne widerrief und staatliche Hilfsleistungen für die Bretagne anbot.

Kritiker dieses Kompromisskurses verweisen darauf, dass die Lage kein Zuwarten mehr dulde und Reformen jetzt dringlich seien. Voraussichtlich wird die französische Wirtschaft auch 2014 nur um ein Prozent wachsen, nicht genug, um die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Und zu wenig, um das Staatsdefizit von voraussichtlich 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2013 auf die von Brüssel geforderten drei Prozent zu verringern. Gut möglich, dass Frankreich sogar noch weiter abrutscht.

Besonders bitter ist, dass das Land sein Potenzial nicht nutzt. Frankreich weist immer noch eine hohe Geburtenrate auf, niedrige Energiekosten, eine hochwertige Infrastruktur und gute Forschungsleistungen. Auf der Forbes-Liste der 500 größten Unternehmen der Welt befinden sich 32 französische, somit steht Frankreich auf dem vierten Platz, hinter den USA, Japan und China. Allerdings produzieren und verkaufen französische Großunternehmen weitgehend im Ausland, die meisten Kleinunternehmen hingegen sind exportschwach und siechen dahin, ein konkurrenzfähiges Mittelfeld wie in Deutschland fehl fast völlig. Die hohen Arbeitskosten belasten die Konkurrenzfähigkeit, die Industrieproduktion ist in den vergangenen fünf Jahren um 16 Prozent zurückgegangen.Start-up-Unternehmen gibt es wenige, weil die Eliten zu unbeweglich sind.

Frankreichs Handelsdefizit liegt bei mehr als 60 Milliarden Euro. Und Besserung ist nicht in Sicht. Die Krise hat auch einige der industriellen Leuchttürme erreicht, die Automobil- und die Atomindustrie, ja sogar die selbstbewusste französische Waffenindustrie ist in Schwierigkeiten: Verkaufte sich der französische Militärjet Mirage einst überall auf der Welt, findet sein Nachfolger Rafale bislang kaum Kunden.

François Hollande, der unlängst noch verbreiten ließ, die Politik erwarte Erleichterung von einer demnächst einsetzenden Konjunktur, wird nun von vielen Kritikern im Ausland zum Handeln aufgefordert. Sie verlangen von ihm schnellere und radikalere Einschnitte. "Von einer Agenda 2010à la française ist man weit entfernt", bedauert Lars Feld, Mitglied des deutschen Sachverständigenrates. Aber wird diese Kritik Hollande wirklich gerecht?

Man liest oft, dass die Fünfte Republik ihrem Präsidenten so viel Macht schenke, damit er über Frankreich regieren könne wie ein König. Doch diese Machtposition trügt wie einst die Macht Ludwigs XVI. vor der großen Revolution. Mit de Gaulle ging es zehn Jahre gut – bis er 1969 zurücktrat, nachdem der Mai 1968 gezeigt hatte, wie morsch die Machtgrundlagen geworden waren. Seither sind in Frankreich alle frisch gewählten Präsidenten mit ihren Reformvorhaben am Protest auf der Straße gescheitert.

Deshalb misstraut Hollande seiner Macht. Was jetzt viele als Schwäche bezeichnen – seine Kompromissbereitschaft, seine Politik der kleinen Schritte –, sieht er wohl als seine einzige Chance. Statt den Wandel von oben zu verordnen, will er ihn gesamtgesellschaftlich organisieren. Sein Vorbild ist Jean Monnet, der "Vater Europas", und dessen allseits bekannte Methode: in kleinen Schritten eine Dynamik von nachhaltiger Wirkung erzeugen.

Bezeichnenderweise hat einer der derzeit wichtigsten Mitarbeiter Hollandes, der Ökonom Jean Pisani-Ferry, sein Quartier im sogenannten Jean-Monnet-Haus gleich hinter der Pariser Nationalversammlung aufgeschlagen. Hier entwarf Monnet als Leiter des französischen Planungskommissariats zwischen 1946 und 1950 die ersten Pläne für die europäische Montanunion. Hier entwirft Pisani-Ferry heute als Leiter des Strategiekommissariats Hollandes Reformpläne für ein "Frankreich in zehn Jahren". Man beachte die Zahl Zehn: Das klingt ein bisschen nach Agenda 2010 – und das soll es auch. Denn Pisani-Ferry spielt heute für Hollande die Rolle des Monsieur Hartz in Frankreich.

Früher lehrte der Ökonom an der vornehmsten Pariser Eliteschmiede, der École Polytechnique, arbeitete für die Europäische Kommission und den IWF. Der seit Jahrzehnten unverändert spartanischen Einrichtung von Monnets Arbeitszimmer hat er nur eine Collage des hannoverschen Dadaisten Kurt Schwitters und eine Postkarte mit Mao-Bild aus China hinzugefügt. Er will ja nichts ändern: "Dieses Haus bleibt seiner Tradition treu. Die Methode Monnet bedeutet auch, dass man alle an einen Tisch setzt, damit jeder seine Ecke, in der er es sich bequem gemacht hat, verlassen muss", sagt Pisani-Ferry.

Das ist in Frankreich ohne Vorbild. Eine Große Koalition wie in Berlin bleibt hier unvorstellbar. Vor allem aber will niemand die sogenannten "errungenen Rechte" infrage stellen. Der Ausdruck sagt schon alles: Auf Französisch klingt das, als ginge es um Menschenrechte. Dabei geht es um soziale Errungenschaften wie die 35-Stunden-Woche, die Rente mit 60, den Mindestlohn oder den Kündigungsschutz, an denen bislang niemand rütteln durfte.

Aber Frankreich muss da ran. Hollande weiß das, viele Franzosen ahnen es. Nur wusste bislang niemand, wie. Hollande glaubt jetzt, einen Weg gefunden zu haben.

Pisani-Ferry führt die Methode an diesem Tag vor. Im großen Konferenzsaal des Monnet-Hauses, unter einer übergroßen, kämpferischen Marianne-Figur, sind die hohen Vertreter von Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften und Sozialverbänden, aber auch Abgeordnete und Professoren geladen, über die Frage "Welches soziale Modell?" zu debattieren. Darauf geben die sozialen Akteure vielfältige Antworten. Aber eines wird schnell klar: Sie wehren sich nicht. Sie wissen alle, wie viel im Argen liegt. Sie wollen mitmachen beim Umbau. Auffallend ist der Unternehmervertreter, der lange über die neuen Ansprüche der Angestellten auf Umschulung im Unternehmen referiert. Überraschend der Vertreter der stärksten Gewerkschaft, der ehemals kommunistischen CGT, der die Auswucherungen des alten Systems beschreibt. Es fällt kein schlechtes Wort über Deutschland, das für viele als Vorbild dient. "Es war ein guter Tag, die Sozialpartner haben wichtige Signale gesendet", sagt Pisany-Ferry am Abend.

Doch er weiß auch, welche Hürden er vor sich hat. "In Frankreich gibt es die Tradition starker Bewegungen, wie in der Bretagne. Es gibt 600 Branchen, jede mit ihrem eigenen Unternehmerverband, ihrer eigenen Bürokratie. Und Gewerkschaften, die bei Entlassungen schon mal ein paar Manager als Geiseln genommen haben." Entmutigt wirkt der Strategiekommissar dennoch nicht. "Wir versuchen es trotzdem", sagt er.