Sobald man Familie hat, ist vieles unvereinbar. Kinder und Schlaf. Kinder und Elternfreizeit. Kinder und Reisen. Besonders unvereinbar: Kinder und Städtereisen. Deshalb landet man mit kleineren Kindern meist in einem Familienhotel auf dem Land, wo für teuer Geld das Unvereinbare getrennt wird. Die Kinder kommen in die Kinderbetreuung, die Eltern machen Wellness, fahren Ski oder wandern. Und die Hoteliers in der Stadt müssen sich gar nicht erst an Familien gewöhnen.

Nun hat ausgerechnet in Weimar ein Familienhotel eröffnet – in einer Stadt, die auf den ersten Blick wie das Zentrum der Unvereinbarkeit erscheinen könnte. Weit und breit keine Zoos, Spaßbäder oder Kletterparks. Nur Goethe, Schiller, Klassik. Bauhaus statt Baumhaus. Das Haus liegt in einem holprigen Altstadtgässchen, und man sieht ihm schon von Weitem an, dass es anders sein will als die typische Familienherberge. Die Fassade ist aus hellem Holz, stilvolle Architektur, schlicht wie bei einem skandinavischen Opernhaus; nirgendwo stören bunter Firlefanz, Bärchen oder andere Lockmittel für Kinder. Es gibt elf größere und kleinere Appartements mit Designermöbeln, darüber ein begrüntes Dach, auf dem auch ein Sandkasten steht.

Anselm Graubner, der Betreiber des Hotels, hat eine dieser Biografien, in denen vieles zusammenkommt. Er war in der Kulturszene unterwegs, während der Wende fotografierte er. Später begann er, Ferienwohnungen auszubauen, zwei Kinder hat er auch. Als Graubner hörte, dass "direkt neben Goethe" ein Grundstück versteigert werden sollte, schlug er zu, um eine Unterkunft zu schaffen, die "die Großzügigkeit von Ferienwohnungen mit dem Luxus eines Hotels vereint". Eine Unterkunft, wie er sie auf Reisen mit seiner Familie nie gefunden hatte.

Mit Architekten, Designern und Handwerkern aus der Umgebung errichtete er einen dreigeschossigen, energieeffizienten Neubau mit Wänden aus Massivholz und Lehmputz. Auch die hellen Böden und die weiß lasierten Wandverkleidungen sind aus Holz, ebenso viele Einbauelemente oder die Ablagen im Badezimmer. Auf denen stapeln sich Handtücher in allen Farben – eins der wenigen Zugeständnisse an den Einrichtungsgeschmack von Kindern.

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Die Familie kommt in einem der größeren Appartements unter. Es hat einen Wohnbereich mit Couch, Sesseln und Esstisch, von dem Schlaf- und Kinderzimmer abgehen. Die Fenster sind hoch, der Balkon ist groß, und von ihm aus kann man sogar das Goethehaus sehen. Der Küchenzeile ist die Maßarbeit anzumerken. Wenn man in den Ferien schon kochen muss, hier täte man es in einer Architektenküche.

Gute, also kluge Architektur ist, wie sich herausstellt, ein überraschend passendes Umfeld für kleine Kinder. Über ein Treppchen können sie das Hochbett erklettern und von dort aufs darunter stehende Zweitbett springen. So vergeht eine gute halbe Stunde, die den Eltern im Wohnbereich bleibt. Halb zieht es sie, halb sinken sie auf das schlammfarbene Sofa. Zappen wäre jetzt gut. Aber wo ist der Fernseher? Er verbirgt sich hinter einer Schiefertafel mit Kreideablage. Glotzen oder Malen – hier wird man vor eine Gewissensfrage gestellt.

Überhaupt ruft einem alles im Familienhotel Weimar zu: Verbringt quality time miteinander! Neben dem Schreibtisch steht ein Korb mit Spielen und Büchern, darin die Klassiker: Monopoly, Struwwelpeter, Geschichten vom Sandmann. In der Hotelmappe erfährt man, wo man Karten für die Anna-Amalia-Bibliothek bekommt, aber auch, wo es in der Stadt Spielzeug für Kinder und ein passendes Kinoprogramm gibt. Unten im Aufenthaltsraum steht eine Bücherwand, davor einer der Tische mit den drei abgerundeten Ecken, die Graubner in verschiedenen Größen für das ganze Hotel bauen ließ. So, als sollten hier alle zusammenrücken, bis hin zu den Hochzeitsgesellschaften und den Deutsch-Leistungskursen, die mitunter vielköpfig in den großen Appartements unterkommen. Der Begriff Familie ist im Familienhotel angenehm weit gefasst. Familie heißt aber auch: Alle sollen zusammenbleiben. Kinderbetreuung oder Spielgruppen gibt es nicht – und also auch keine planbare Elternfreizeit.

Die Familie verzichtet aufs Kochen und geht hinunter ins Hotelrestaurant. Das ist ein heller, schmaler Raum, der mit Sofas und Lounge-Liegen urbane Gemütlichkeit ausstrahlt. Ein Café-Restaurant, das an diesem Abend voll mit Publikum aus der Stadt ist. Junge Pärchen trinken einen späten Kaffee, eine Frauenrunde unterhält sich über "Energieströme". Die Kellnerin bringt Makkaroni mit zimtig-knackigem Gemüse vom Hokkaidokürbis. Den Kindern serviert sie Waffeln und begegnet ihrem Geschrei nach Eis und Aufmerksamkeit mit der Gelassenheit einer Kitaerzieherin. Die Eltern bestellen ihr erstes Glas Rotwein und träumen von einem zweiten zu späterer Stunde, denn das Zimmertelefon lässt sich auch als Babyfon verwenden. Zugleich wundern sie sich, dass das Lokal "Gretchens Restaurant" heißt, also ausgerechnet nach der am wenigsten kinderfreundlichen Figur der Weimarer Klassik benannt ist. Ist das der Humor einer Stadt, in der Hotels schon mal "Hier war Goethe nie" getauft werden?

Oder hat der Name etwas mit der hölzernen Wendeltreppe zu tun? Die führt neben den Lounge-Liegen in eine Vertiefung, die kurz an das Verlies denken lässt, in dem Gretchen saß, nachdem sie sich ihres Kindes entledigt hatte. Nur dass es hier sehr kuschelig ist. Es gibt eine Kletterwand, Kissen, Bücher und Spielzeugkisten. Die Kinder verschwinden sofort nach dem Eis dorthin, man hört sie noch, sieht sie aber nicht mehr. Die Eltern bestellen gleich das zweite Glas Rotwein und blicken durch die Fensterfront hinaus in die pittoreske Stadt. Für den Moment scheint alles Unvereinbare doch einmal zueinanderzupassen.