Er ist ziemlich unbekannt, aber bald sehr mächtig. Detlef Wetzel, 60 Jahre alt, geboren in Siegen. Am Montag tritt er ein Amt an, das ihn zu einem der einflussreichsten Männer der deutschen Wirtschaft macht. Er wird, aller Voraussicht nach, zum Chef der IG Metall gewählt und damit zum mächtigsten Gewerkschafter des Landes. Wetzel wird dann über das Schicksal der bedeutendsten Industrie Deutschlands mitbestimmen, der Metall- und Elektrobranche, und er wird erheblichen Einfluss auf die Politik haben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sucht schon seine Nähe, ebenso wie SPD-Parteichef Sigmar Gabriel. Beide sprechen auf einem zweitägigen Kongress der IG Metall in Frankfurt am Main, der an diesem Sonntag beginnt. Sein einziger Zweck: Verabschiedung des bisherigen Metall-Chefs, Berthold Huber, und Wahl seines Nachfolgers sowie drei weiterer Vorstandsmitglieder. Die IG Metall hat 2,3 Millionen Mitglieder, mehr als jede andere deutsche Gewerkschaft. Wenn sie eine neue Führung erhält, ist das ein politisches Großereignis. Und mit Wetzel rückt ein Machtmensch ganz eigenen Typs an ihre Spitze.

Der Führungswechsel kommt zu einer Zeit, in der die IG Metall so selbstbewusst erscheint wie seit vielen Jahren nicht. Ihr Einfluss geht weit über die alle paar Jahre stattfindenden Tarifrunden hinaus, in denen Arbeiter in Trillerpfeifen pusten, um ein paar Prozent mehr Lohn zu erkämpfen. In der IG Metall sind mehr Menschen organisiert als in allen politischen Parteien zusammengenommen. Sie bestimmt über die Strategie und die Chefposten der größten deutschen Unternehmen mit, durch ihre Vertreter in den Aufsichtsräten von Weltkonzernen wie Daimler, VW, BMW, Siemens, Bosch, Infineon, Continental oder ThyssenKrupp. Wie viel Geld sie in ihrer Kriegskasse für Streiks zurückgelegt hat, hält die Gewerkschaft geheim. Aber ihre Beitragseinnahmen sind bekannt: Im vergangenen Jahr war es fast eine halbe Milliarde Euro. Reichlich Geld für Lobbyarbeit und Kampagnen also.

Und wenn in diesen Tagen in Berlin über eine neue Bundesregierung verhandelt wird, sitzt die IG Metall mit am Tisch. Durch eigene Funktionäre, die an den Koalitionsverhandlungen teilnehmen, wie Armin Schild, Mitglied im SPD-Bundesvorstand und Chef eines großen IG-Metall-Bezirks in Deutschlands Mitte. Durch ehemalige Mitarbeiter wie Jutta Blankau, heute Hamburger Senatorin für Stadtentwicklung und vor Kurzem noch Leiterin des IG-Metall-Bezirks Küste. Oder durch Andrea Nahles, heute SPD-Generalsekretärin, früher Angestellte im Berliner Verbindungsbüro der IG Metall. Vor allem ist die Gewerkschaft durch ihre Themen präsent, die sie in der öffentlichen Debatte platziert hat: die Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen. An diesen Themen kommen die Koalitionsunterhändler nicht mehr vorbei.

Dass Werkverträge heute so viel diskutiert werden, liegt keineswegs allein an einer neuen Realität in den Betrieben. Es ist auch das Ergebnis hoch professioneller Kampagnenarbeit. Schon vor Jahren wurde über Werkverträge und ihren Missbrauch berichtet. Über mies bezahlte Regaleinräumer in Supermärkten oder osteuropäische Werkvertragsarbeiter auf Baustellen und in Schlachthöfen. Auch dass Leiharbeit durch Werkverträge ersetzt werde, ist schon seit Längerem ein Thema (ZEIT Nr. 50/11). Und manches Automobilwerk setzt seit Jahren massiv auf Werkverträge, etwa die BMW-Fabrik in Leipzig, die eigens dafür konzipiert wurde (siehe Artikel auf Seite 26). Politischen Handlungsdruck löste all das jedoch nicht aus. Bis sich die IG Metall des Themas annahm.

Anfang dieses Jahres sitzt Detlef Wetzel mit einigen Journalisten beim Abendessen zusammen. Wetzel ist da noch stellvertretender Vorsitzender der IG Metall und zuständig für den Funktionsbereich Mitglieder und Kampagnen. Er berichtet über organisatorische Veränderungen, über die aktuellen Mitgliederzahlen und über ein neues IG-Metall-Thema: Werkverträge, mit denen die Arbeitgeber versuchten, die Tariflöhne zu umgehen. Das werde die große Kampagne der IG Metall in diesem Jahr sein. Es dauert ein paar Monate, dann häufen sich Medienberichte über Werkverträge in der Industrie. Wetzel tritt in der Talkshow Hart aber fair auf und prangert diese Form des "Lohndumpings" an. Die IG Metall verbreitet von ihr selbst erhobene Zahlen, Ergebnisse einer Umfrage unter Betriebsräten – andere Daten gibt es nicht. Und wer ihre Pressesprecher in den Bezirken anruft, bekommt manchmal zu hören: "Wollen Sie nicht etwas über Werkverträge schreiben? Ich hätte da konkrete Fallbeispiele für Sie und auch einen Professor, mit dem wir bei diesem Thema zusammenarbeiten."

Heute sind Werkverträge in aller Munde – früher, als die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di über sie klagte, waren sie es nicht. Erst jetzt wird das Phänomen wirklich wahrgenommen – bis hinein in die Koalitionsverhandlungen. Die IG Metall fordert, Betriebsräte müssten bei Werkverträgen ein Mitspracherecht erhalten. Angela Merkel kam dem schon einen ersten Trippelschritt entgegen: Ja, es müsse "zumindest Kenntnis, eine Information der Betriebsräte geben", erklärte sie kürzlich.

Das alles ist – selbstverständlich – nicht allein das Werk der IG Metall oder ihres obersten Kampagnenchefs. Aber es zeigt beispielhaft, welche politische Kraft sie entwickeln kann. Und warum man sich dafür interessieren sollte, wer sie lenkt.