Insgesamt zwölf Jahre lang führte Josef Cap die Parlamentsfraktion der SPÖ. Nun musste er dem bisherigen Staatssekretär im Finanzministerium Andreas Schieder weichen. Künftig soll der 61-jährige Politiker, einst Chef der Sozialistischen Jugend, am neuen Parteiprogramm der Sozialdemokraten arbeiten. Das Zusatzgehalt, das er für diese Tätigkeit beziehen wird, rief viel Kritik auf den Plan. In einem offenen Brief mahnt ihn nun sein Bruder Christian, selbst einst Juso-Chef, rote Markierungen auf die Höhe der Zeit zu heben.

Lieber Josef,

Du sollst Dich in Deinem neuen Job als Präsident des SPÖ-eigenen Renner-Instituts mit der Zukunft der SPÖ und ihrem neuen Parteiprogramm auseinandersetzen. Das kann spannend sein, aber auch nervenaufreibend werden.

Lass mich daher eines vorweg klarstellen: Bei aller derzeit hörbaren Kritik an der Höhe Deines zukünftigen Gehalts bin ich der Meinung, dass Du jeden Cent wert bist, wenn es Dir tatsächlich gelingen sollte, die intellektuell behäbig gewordene SPÖ geistig wieder zu mobilisieren. Dein Gehalt wäre dann wohl Schmerzensgeld und Erfolgsprämie in einem.

Mit den folgenden Zeilen lade ich Dich daher – gleichsam zum geistigen Aufwärmen – zu ein paar Reflexionen ein.

Reden wir nicht lang herum. Das letzte Wahlergebnis bescherte beiden ehemaligen Großparteien eine neue Qualität des jahrelang schon zu beobachtenden Wählerschwunds. Gemeinsam verfügen sie nun gerade noch über 50 Prozent Wähleranteil. Das sind etwas weniger als 40 Prozent der Wahlberechtigten.

Geblieben ist die formale Zustimmung zur Bildung einer Großen Koalition, geblieben ist die machtpragmatische Fähigkeit, das tagespolitische Routine- und Verwaltungsgeschäft solide zu erledigen. Das ist, wie Du weißt, auf Dauer zu wenig.

Was in dieser Koalition von SPÖ und ÖVP fehlt, ist die Vermittlung der Faszination des Politischen per se. Nichts verhilft dem Wähler zu der Gewissheit, Subjekt und nicht Objekt der politischen Sphäre zu sein. Es fehlt die Einladung zum gestaltenden Dabeisein. Stattdessen wird ein Wähler, will er einmal politisch agieren, als Störfall auf zwei Beinen wahrgenommen.

Was fehlt, ist die Freude am Gedankenspiel politischer Möglichkeiten. Stattdessen wird verteidigt, was ist, und, wenn überhaupt, nur vorsichtig und in kleinsten Schritten verändert.

Was fehlt, ist eine von den Koalitionsparteien gelebte Bereitschaft, in einem System der Europäischen Gemeinschaft die eigenen Machtgrenzen offen zu legen und gleichzeitig die Mehrheit in unserem Land endlich für das Gelingen des europäischen Projektes zu begeistern, statt wie bisher die Kultur der wirtschaftlichen Nur-Nutznießer zu pflegen. Erst dann kann eine nationale Regierung jene Unterstützung erlangen, die sie benötigt, um auch unpopuläre Entscheidungen auf europäischer Ebene offensiv mitzugestalten und sie nicht nur wie derzeit still geschehen zu lassen.

Parteien haben in unserem demokratischen System die Aufgabe, einen Entwurf für etwas so Großes wie "das moderne Leben" zu formulieren, wobei mir die Dehnbarkeit dieses Begriffs wohl bewusst ist.

Wenn eine Partei wie die SPÖ mit ihrem Wahlprogramm den Wählern keine inspirierende Idee für deren zukünftige persönliche Lebensgestaltung zu vermitteln weiß, so muss sie letztendlich auf Dankbarkeit für Vergangenes hoffen. Unfreiwillig wird sie dann schnell Teil der politischen Folklore und zu einem Objekt der Traditionspflege.

Beide ehemalige Großparteien haben sich zu Traditionsvereinen gewandelt. Was beiden fehlt, ist der erkennbare Entwurf eines modernen Lebenskonzepts in einer ungemein dynamischen Zeit.

Die SPÖ, einst mit absoluter Mehrheit ausgestattet, hat sich in den letzten 20 Jahren thematisch zu einer Einthemenpartei zurückentwickelt. Alles, was unter dem nach wie vor großen Dach des europaweiten Konzepts der sozialen Marktwirtschaft mit Erwerbsarbeit und sozialer Absicherung zu tun hat, ist ihr zentrales Anliegen geblieben. Karl Marx, Victor Adler und Bruno Kreisky sei Dank!

Nur: Der klassische Begriff der Erwerbsarbeit als zentraler Orientierungspunkt wahlstrategischer Themenentwicklung (wobei auch die Pensionszeit als Zeit nach dem Arbeitsleben auf diesen Arbeitsbegriff Bezug nimmt) greift inzwischen viel zu kurz. Leben im Heute besteht aus viel mehr als nur aus der Absicherung und Verteidigung des Erreichten.

Unser Leben hat neue, auch virtuelle Existenzräume hinzugewonnen. Die Freizeitgesellschaft steht gleichberechtigt neben der Arbeitsgesellschaft, die Möglichkeiten der Selbstfindung und -verwirklichung in der Medien- und Spielegesellschaft sind ungemein herausfordernd. Die angestrebte Bildungsgesellschaft wurde längst von einer stupiden Lerngesellschaft abgelöst, und Qualifikation ist kein Garant mehr für ein wirtschaftlich abgesichertes Leben.