Das Duo mit den Milliarden – Seite 1

Es geht um zwei Männer, die bedeutende Freunde haben, das ist der erste Teil der Geschichte. Der eine Mann, Nursultan Nasarbajew, holte den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair für ein Millionengehalt in seinen Beraterstab, außerdem den einstigen Präsidenten der EU-Kommission Romano Prodi und den früheren österreichischen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer.

Der andere Mann, Rachat Alijew, schwärmt von seinem Geschäftsfreund Adolf Wala, ehemals Präsident der österreichischen Zentralbank. Er erzählt auch gerne, wie ihm der enge Kontakt zur Wiener Vizebürgermeisterin Renate Brauner dabei half, Mehrheitsinvestor bei einem der wichtigsten Wirtschaftsprojekte der österreichischen Hauptstadt zu werden, einem großen Medienzentrum im Wiener Stadtteil St. Marx. "Ich erinnere mich, wie ich ihr unsere Partnerschaft bei einem Spiel der Eishockeymannschaft Vienna Capitals in der Albert-Schultz-Halle erfolgreich schmackhaft gemacht habe", so Alijew.

Zwei Männer, zwei Täter, das ist der zweite Teil der Geschichte. Der 73-jährige Nursultan Nasarbajew ist seit 1991 Präsident von Kasachstan, offiziell eine funktionierende Demokratie. Inoffiziell wird seine Herrschaft begleitet von Wahlfälschung, Korruption, Folter. Auch Rachat Alijew, 50, hatte viel Macht in Kasachstan, er war Chef der Steuerfahndung, Vize-Außenminister, Vize-Geheimdienstchef. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft Wien gegen ihn wegen Mordes. Ermittler in Wien und Krefeld gehen Geldwäschevorwürfen in Millionenhöhe gegen Alijew nach.

Die beiden Männer mochten sich, mussten sich mögen, denn Alijew war der Schwiegersohn von Nasarbajew, er hatte 1983 dessen Tochter Dariga geheiratet, das Ehepaar bekam drei Kinder. Anfang 2002, da mochten sich die beiden Männer schon nicht mehr so sehr, wurde Alijew als Botschafter Kasachstans nach Wien entsandt, ein Amt, das er mit Unterbrechungen bis zum Jahr 2007 innehatte. Heute existiert zwischen Nasarbajew und Alijew nur noch Hass.

Zwei Männer, die viel Geld haben, das ist der dritte Teil der Geschichte. Kasachstan ist ein reiches Land, es verfügt über gewaltige Gas- und Ölvorkommen, über Eisen, Erz, Uran, dazu die begehrten sogenannten seltenen Erden, die als wichtiger Rohstoff dienen für die weltweite Elektronikindustrie. Das Geld aus den Rohstoffen landet vor allem in den Taschen der Mächtigen. Von Nasarbajew heißt es, er habe ein privates Vermögen von mehreren Milliarden Euro. Bei Alijew ist von Hunderten Millionen Euro die Rede. Vermutlich hat es mit diesem Geld zu tun, dass die beiden Männer bei so vielen europäischen Politikern und Wirtschaftsführern so gefragt sind.

Nasarbajew und Alijew unternehmen seit einigen Jahren einen Feldversuch der besonderen Art: Die beiden reichen Männer aus Kasachstan finden heraus, was man mit viel Geld im zivilisierten Europa so alles anstellen kann. Früher gingen sie gemeinsam vor, inzwischen tut es jeder für sich allein.

Nur leise sind Stimmen wie die des CDU-Europapolitikers Elmar Brok oder der Grünen-Politikerin Viola von Cramon zu vernehmen, die einen internationalen Haftbefehl für Alijew fordern und einen Boykott seines einstigen Ziehvaters Nasarbajew.

Der politische Alltag sieht anders aus. Laut Auswärtigem Amt ist Kasachstan für die Bundesrepublik "der weitaus wichtigste Wirtschaftspartner in Zentralasien". Bei einem Staatsbesuch Nasarbajews im Februar 2012 unterschrieben er und Bundeskanzlerin Angela Merkel ein milliardenschweres Partnerschaftsabkommen in Sachen Rohstoffentwicklung.

Michael Tsokos ist kein Politiker, und auch von zentralasiatischen Republiken versteht er nicht besonders viel. Tsokos leitet das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité, sein Job ist es, aus Leichen möglichst viel verwertbare Informationen herauszuholen. Vor zwei Jahren flog er im Auftrag eines kasachischen Unterstützervereins für Kriminalitätsopfer mit einem Expertenteam nach Astana, der Hauptstadt Kasachstans.

Tsokos untersuchte die letzten Überreste zweier Männer, die in Betonfässern auf einem Firmengelände gefunden worden waren. Tsokos ist Gräueltaten gewohnt, doch was er hier vorfand, machte selbst ihm zu schaffen. Die beiden Männer waren vor ihrem gewaltsamen Tod gefoltert worden, bei einem fand sich ein langer spitzer Stein im Darm, der vermutlich rektal eingeführt worden war. Beide Leichen wiesen tiefe Würgemale, Prellungen und Knochenbrüche auf. Beide Männer waren vor ihrem Tod mit Schmerzmitteln und schweren Psychopharmaka vollgepumpt worden – möglicherweise, um sie länger foltern zu können.

Tsokos notierte in seinem Gutachten, die Leichen seien auf "professionelle, kenntnisreiche" Weise entsorgt worden: in Betonfässern voll löslichem Kalk, was einerseits Verwesungsgerüche verhindere, andererseits Verwesungsprozesse beschleunige. Der Berliner Gerichtsmediziner konnte mit "99-prozentiger Sicherheit" die Identität der Männer feststellen. Die Namen: Scholdas Timralijew und Aibar Chasenow. Beruf: Vorstandsmitglieder der Nurbank, einer der größten Banken des Landes.

Rückblende. Almaty, ehemalige Hauptstadt von Kasachstan, Sitz der Nurbank. Es ist der Morgen des 31. Januar 2007, im Terminkalender der beiden Bankmanager steht eine Besprechung mit Rachat Alijew. Damals ist Alijew der Eigentümer der Bank, er verfügt über eine Aktienmehrheit. Den beiden Vorständen wirft Alijew vor, sie hätten ihn betrogen. Timralijew ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt, Chasenow 43 Jahre. Es ist der Tag, an dem die beiden das letzte Mal lebend in der Öffentlichkeit auftauchen.

Die Nurbank war zu diesem Zeitpunkt eine kasachische Erfolgsgeschichte. Aus der staatlichen Regionalbank am Kaspischen Meer, konzentriert auf das Erdölgeschäft, war ein weltweit operierender, privat finanzierter Bankenriese geworden. Heute ist sie wieder eine Staatsbank. Man kann sagen: Früher gehörte die Bank Alijew, heute kontrolliert sie Nasarbajew.

"Mein Mann hatte große Angst vor dem Treffen mit Alijew. Er war an diesem Morgen sehr nervös", sagt Armangul Kapaschewa, 42, die Witwe des Bankers Scholdas Timralijew. Sie sitzt im Berliner Büro der ZEIT, Juli 2013, schlank, elegante Kleidung, die grauen Schuhe passen zur grauen Handtasche. "Mein Mann hatte ein paar Tage zuvor schon ein grausiges Treffen mit Alijew. Er wurde unter dem Vorwand einer Geschäftsreise in einen Saunakomplex von Alijew gelockt, und plötzlich standen Alijew und seine Schläger vor ihm. Sie ketteten ihn an einen Heizkörper, Alijew schoss ihm mit einer Pistole vor die Füße. Mein Mann hatte Todesangst. Er sollte zugeben, dass er Alijew betrogen hatte. Er sollte ihm sein Vermögen überschreiben, er sollte auch andere Leute dazu bewegen, Geld an Alijew zu zahlen. Damals hat Alijew ihn noch freigelassen, damals noch."

Seit Jahren versucht Armangul Kapaschewa die Ermordung ihres Mannes aufzuklären. Gemeinsam mit der zweiten Witwe, der Frau von Aibar Chasenow, hat sie den Opferverein Tagdyr ("Schicksal") gegründet.

In Wahrheit sei er das Opfer, sagt Alijew

31. Januar 2007, der Tag des Verschwindens. "Um elf Uhr war das Treffen. Mein Mann sagte, er sei bestimmt gegen Mittag wieder zurück, zum Essen. Mittags rief er an und sagte, es wird Nachmittag, mach dir keine Sorgen. Aber er hatte so eine merkwürdige Stimme, gepresst, voller Angst. Es wurde Nachmittag, und er rief nicht mehr an."

Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen wurden Timralijew und Chasenow in das etwa 30 Kilometer entfernte Landhaus von Alijew gebracht. Dort hat wohl ihr Martyrium begonnen.

Lange Zeit galten die beiden Bankmanager als vermisst, die kasachischen Behörden führten sie als Entführungsfall, bis vor zwei Jahren die Leichen in den Betonfässern gefunden wurden. "Ich kämpfe dafür, dass der Mörder meines Mannes bestraft wird", sagt Armangul Kapaschewa. "Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Alijew dieser Mörder ist – ich verstehe nicht, warum er immer noch frei ist."

Es ist nicht der erste grausame Todesfall, mit dem Rachat Alijew in Verbindung gebracht wird. Im Jahr 2004 soll er seine Geliebte Anastasja Nowikowa in einer Wohnung in Beirut tagelang gefoltert und vergewaltigt haben. Ein ehemaliger Leibwächter von Alijew erhebt diese Vorwürfe. Nowikowa hatte Alijew angeblich betrogen. Am Ende fand man sie vor dem Haus, aufgespießt auf den stählernen Spitzen des Grundstückszaunes. Die libanesischen Behörden diagnostizierten Selbstmord. Andere ehemalige Mitarbeiter beschuldigen Alijew weiterer Grausamkeiten.

Alijew, ein Mörder? Alijew, ein Folterer? In Österreich ist in den vergangenen Jahren ein anderer Alijew aufgetreten. Alijew, der Geschäftsmann und Investor.

Eine Adresse im Wiener Stadtteil St. Marx, das frühere Schlachthofgelände, wo heute auf über 40.000 Quadratmetern ein Medienzentrum residiert, eines der ehrgeizigsten Wirtschaftsprojekte der österreichischen Hauptstadt. Verlagshäuser, Fernsehsender und Produktionsfirmen haben hier ihren Sitz. Über eine Investitionsagentur ist das Medienzentrum zu 40 Prozent im Eigentum der Stadt, die restlichen 60 Prozent gehören privaten Investoren.

Alijew war der Mann fürs Grobe im Reich von Präsident Nasarbajew

Lange war der Öffentlichkeit nicht bekannt, wer diese Investoren sind, die Stadt verweigerte die Auskunft. Erst eine Untersuchung des österreichischen Rechnungshofs förderte die Namen zutage: Über ein vielfach verzweigtes Firmennetz, das bis in die Karibik reicht, hält Rachat Alijew mehr als die Hälfte der Anteile und ist der heimliche Herrscher im Medienzentrum.

Die Stadt Wien erklärt dazu, man sehe keinen Anlass, die Verhältnisse zu ändern. Soll wohl bedeuten: Wer kann sich heutzutage noch das Geld aussuchen, das investiert wird? Die Offenlegung der Investorenakten verweigert die Stadt weiterhin, "aus Datenschutzgründen", wie es heißt. Der Rechnungshof zieht deshalb vor das österreichische Verfassungsgericht.

In Kasachstan ist Alijew in Abwesenheit mehrfach verurteilt worden: zu insgesamt 40 Jahren Gefängnis wegen Hochverrat und angeblicher Pläne, das Regime Nasarbajews zu stürzen, sowie wegen Erpressung und Menschenraub im Fall der beiden später tot aufgefundenen Bankmanager.

Alijew, der inzwischen schon lange nicht mehr in Kasachstan lebte, wurde im Zuge eines Auslieferungsverfahrens im Jahr 2007 in Österreich verhaftet, kam aber nach zwei Tagen wieder frei. Die österreichischen Behörden lehnten die Überstellung nach Kasachstan ab mit der Begründung, Alijew könne dort nicht mit einem rechtsstaatlichen Verfahren rechnen. Doch als im Mai 2011 die Leichen der Bankmanager gefunden wurden, nahm die Wiener Staatsanwaltschaft eigene Ermittlungen wegen Mordes auf.

Alijew hatte Österreich zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. Er war umgezogen nach Malta. Laut Medienberichten bezahlte er 150.000 Euro für eine rasche Aufenthaltsgenehmigung für die Mittelmeerinsel. Offiziell hat er inzwischen den Namen seiner zweiten Ehefrau angenommen, aus Rachat Alijew wurde Rachat Schorat.

Montag dieser Woche. Ein Anwalt Alijews hat ein Telefoninterview mit der ZEIT organisiert. Wo er sich gerade aufhält, will Alijew nicht sagen. Zu den Vorwürfen gegen ihn aber nimmt er ausführlich Stellung. Alles sei erlogen, er, Alijew, habe weder gemordet noch gefoltert, noch vergewaltigt. In Wahrheit sei er das Opfer, sagt Alijew in leicht holprigem Englisch. Wäre er im inneren Machtzirkel des Präsidenten Nasarbajew geblieben, behauptet Alijew, wären die Vorwürfe gegen ihn nie in die Welt gesetzt worden. "Das ist alles rein politisch", sagt er. "Ich bin bereit, mich vor jedem Gericht in Europa zu verteidigen. Ich habe nie Verbrechen begangen."

Tatsächlich standen sich Alijew und Nasarbajew einmal sehr nahe. Beide stammen aus einflussreichen kasachischen Familien, Alijew heiratete im Alter von 21 Jahren Nasarbajews älteste Tochter. Mit dem Aufstieg Nasarbajews an die Spitze des Landes kam auch der studierte Ökonom und Mediziner Alijew nach oben. Steuerfahndung, Geheimdienst, Außenministerium. Alijew wurde der Mann fürs Grobe im Reich Nasarbajews.

Doch die Freundschaft der beiden Männer bekam Risse. Alijew äußerte öffentliche Kritik am Präsidenten. Es gab Gerüchte um einen Putsch, den Alijew plane. Als er im Februar 2007 nach Wien versetzt wurde, war die Beziehung am Ende. Bald darauf wurde die Ehe mit Nasarbajews Tochter Dariga geschieden.

Alijew hatte nun keinen Grund mehr, über Nasarbajew zu schweigen.

Es ist dies einer der Gründe, weshalb diese Geschichte so ungewöhnlich ist: Zwei mächtige Männer wissen, in welche Verbrechen der jeweils andere verstrickt ist. Und zumindest der eine der beiden ist bereit, davon zu erzählen. So entsteht ein einzigartiger Blick in das bösartige Getriebe einer postsowjetischen Diktatur, mit der die westliche Politik nur allzu gern Handel treibt.

Alijew kennt nicht nur den Maschinenraum, er betätigte selbst jahrelang die wichtigsten Hebel. Er weiß, wie Nasarbajews Geschäfte mit ausländischen Staatsmännern und Industriebossen laufen. Er erzählt, wie sich der Präsident Urangeschäfte mit dem Iran persönlich vergolden ließ. Er schildert, wie sich amerikanische Politstars wie der ehemalige Präsident Bill Clinton, der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney, der ehemalige Außenminister Henry Kissinger oder der ehemalige CIA-Chef George Tenet um gute Geschäfte amerikanischer Unternehmen mit dem kasachischen Präsidenten kümmerten. Und in der Regel hatten beide Seiten etwas davon. So ist Nasarbajew zum Beispiel ein großzügiger Förderer der Clinton-Stiftung, die unter anderem den Kampf gegen Aids unterstützt.

Alijew schätzt Nasarbajews Privatvermögen auf 15 Milliarden Dollar, verteilt auf verschiedene Auslandskonten. Allein eine Milliarde lagere in Belgien. Alijew erzählt, wie Nasarbajew eines Tages ihn, Alijew, bat, eine Sache in Wien zu regeln. Es ging um den Verkauf der kasachischen ATF-Bank an die österreichische Bank Austria für rund 1,6 Milliarden Euro. "Ich wurde vom Präsidenten Kasachstans persönlich angewiesen, dem Chef der Bank Austria Schmiergeld in Höhe von rund 50 Millionen Dollar anzubieten", so Alijew.

Der Verkauf ging über die Bühne und sollte sich später als finanzielles Fiasko für die Bank Austria herausstellen. Die Bank erklärt, "die Anschuldigungen von Herrn Alijew sind völlig aus der Luft gegriffen".

In einer Firma in Krefeld soll Alijew Millionen gewaschen haben

In Deutschland haben Konzerne wie Linde, Siemens oder ThyssenKrupp Millionenverträge mit der kasachischen Regierung unterschrieben. Regelmäßig preist Nasarbajew in Sachen Freundschaft vor allem einen Mann: den ehemaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Bei Nasarbajews Deutschland-Besuch im vergangenen Jahr zelebrierten die beiden ihre Nähe bei einem Treffen in den Berliner Räumen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Draußen gellten die Pfiffe der Demonstranten, die gegen Nasarbajew protestierten, drinnen schüttelten sich die beiden Freunde die Hände. Genscher nannte die Proteste eine "lebendige Begrüßung", die Deutschen seien "ein lebendiges, offenes Volk". Dann machte er Nasarbajew öffentlich ein Kompliment: "Mich hat beeindruckt, mit welcher Klarheit Sie den Weg Ihres Landes vorgezeichnet haben."

Eine hochproduktive Geldwaschanlage

In diesem Land werden nach Recherchen der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch unabhängige Journalisten festgenommen, kritische Internetseiten gesperrt, Oppositionspolitiker wegen "Schüren von sozialem Unfrieden" zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Bei der letzten Präsidentschaftswahl im April 2011 gab es nach Ansicht der Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa "gravierende Unregelmäßigkeiten". Anders gesagt: Die 95,5 Prozent für Nasarbajew waren gefälscht.

Von diesem vermeintlichen Demokraten fühlt sich Rachat Alijew nun verfolgt. Er habe Angst, sagt er im Gespräch mit der ZEIT. Angst um sich, um seine Familie. Der kasachische Geheimdienst sei hinter ihm her, wolle ihn kidnappen und nach Kasachstan verschleppen.

Sein Leben und das große Unrecht, das ihm angeblich widerfahren ist, hat Alijew inzwischen in zwei Büchern niedergeschrieben. Darin entwirft er das Selbstbild eines warmherzigen Edelmannes, der sich vom Apparatschik zum Oppositionellen gewandelt hat. In seiner Eigeninszenierung scheut er auch schmalzige Töne nicht. Seinem jüngsten Werk Tatort Österreich stellt er folgende Widmung voran: "Für alle, die für Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen".

Wobei dieser Anspruch unter den österreichischen Ermittlern nicht so recht verfängt. Nach Informationen der ZEIT liegen der Staatsanwaltschaft Wien inzwischen rund 200 Zeugenaussagen vor, zumeist aus Kasachstan, die Alijews Verwicklung in die Morde an den Bankmanagern beweisen.

Manchmal geht es zwischen zwei Männern nicht um Gut und Böse, sondern um Böse und Böse, auch das ist ein Teil dieser Geschichte.

Krefeld, Rheinhafen, nicht weit entfernt vom Uerdinger Bayer-Werk. Das blaue Schild mit dem Schriftzug "Metallwerke Bender" hängt noch an der Außenwand, doch die Buchstaben sind längst verwittert. Das Tor ist mit einem dicken Schloss abgesperrt, auf der anderen Seite des Firmengeländes soll Stacheldraht Neugierige abhalten. Durch das Fenster des Pförtnerhäuschens hindurch sieht man leer stehende Bürogebäude mit eingeworfenen Scheiben. Ein Schornstein ragt in die Höhe. Gequalmt hat er schon lange nicht mehr.

Jahrzehntelang machten die Metallwerke Bender gutes Geld mit Metallrecycling: Alte Autofelgen, Dachrinnen und anderer Schrott wurde eingeschmolzen und zu neuem Aluminium und Kupfer verarbeitet. Dann ging es bergab. Seit zweieinhalb Jahren liegt das 63.000 Quadratmeter große Firmengelände schon brach. An Wochenenden klettern Fans maroder Industrieanlagen über die Mauern, um die zurückgelassenen Öfen und Tanks zu fotografieren. Metalldiebe klauen alles, was sich noch zu Geld machen lässt; einer von ihnen starb vergangenen Herbst, als er an ein Starkstromkabel fasste.

Die Staatsanwaltschaft Krefeld interessiert sich aus einem ganz anderen Grund für die Metallwerke Bender. Sie führt ein Ermittlungsverfahren gegen Rachat Alijew und weitere Beschuldigte im Zusammenhang mit dem Pleite-Unternehmen. Der Verdacht: Geldwäsche in Millionenhöhe. 2004 war der Metallbetrieb zum ersten Mal insolvent gegangen. Im Jahr darauf tauchte wie aus dem Nichts ein österreichischer Investor auf, Armoreal Trading, geführt von Alijews heutiger Frau, die zeitweise seine Sekretärin in der Vertretung Kasachstans in Wien war. Geschäftsführer der Metallwerke Bender wurde schließlich Alijews heutiger Schwiegervater.

In der Zeit bis 2010 sollen rund zehn Millionen Euro durch den Betrieb geschleust worden sein, um den mutmaßlich kriminellen Ursprung des Geldes zu verschleiern. Das marode, dem Untergang entgegentaumelnde Unternehmen war demnach hochproduktiv: zwar nicht als Metallbetrieb, aber als Geldwaschanlage. Alijew bestreitet auch diese Vorwürfe. Sein Vermögen stamme allein aus legalen Geschäften.

Für wenige Monate übernahm noch ein dubioser Investor aus Dubai die Metallwerke Bender, 2011 schließlich ging der Betrieb endgültig pleite, 100 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Womöglich waren die Metallwerke Bender nur ein kleiner Teil einer noch viel größeren Geldwaschmaschine. Im Jahr 2005 meldete Interpol Wiesbaden erstmals einen Geldwäscheverdacht gegen Rachat Alijew an die Behörden in Wien. Inzwischen durchleuchten Ermittler in Deutschland, Österreich und Malta ein ganzes Geflecht von Firmen im Umfeld von Alijew, teilweise sollen sie von einem Strohmann geführt worden sein. Im Raum steht eine Summe von mehr als 100 Millionen Euro gewaschenen Geldes.

Zu dem Geflecht gehören Managementberatungen, Zuckerhandelsunternehmen und Filmproduktionsfirmen. Allein die österreichischen Ermittler interessieren sich für mehr als ein Dutzend Unternehmen, die inzwischen teils unter neuem Namen weitergeführt werden. Die Finanzströme und Firmenverzweigungen führen nicht nur nach Malta, sondern auch in Offshore-Paradiese wie die Karibikinseln St. Kitts und Nevis.

Nach einer Hausdurchsuchung bei einem Alijew-Treuhänder beschied das Oberlandesgericht Wien Ende 2012: Der Verdacht, "dass über diese Gesellschaften Vermögenswerte, die aus strafbaren Handlungen stammen, gewaschen wurden", sei begründet – gegen Alijew sei der Verdacht sogar "massiv".

Eine zentrale Rolle in diesem Firmengeflecht kommt nach Ansicht der österreichischen Justiz der A.V. Maximus Holding AG zu – jener Firma, die über Umwege fast sieben Millionen Euro in das Vorzeigevorhaben der Stadt Wien gesteckt hat, das Medienzentrum in St. Marx. Nach Informationen der ZEIT bewegt sich das Firmengeflecht seit einigen Monaten von Österreich weg, das Geld fließt jetzt in Richtung Malta. Auch dort wird Alijew inzwischen der Geldwäsche verdächtigt. Im Sommer 2013 wurde sein Vermögen von den maltesischen Behörden vorübergehend eingefroren.

Ob die Staatsanwaltschaft Krefeld Anklage gegen Alijew erhebt, ist trotz der langjährigen Ermittlungen noch unklar. Geldwäscheverfahren werden in Deutschland häufig eingestellt, aus einem einfachen Grund: Die Ermittler müssen nachweisen, dass die Geldflüsse aus schmutzigen Geschäften stammen, und das ist oft schwer. Kriminalbeamte fordern daher seit Langem einen Umkehrschluss: Beschuldigte sollten beweisen müssen, dass ihre Gelder sauber sind.

Vor wenigen Wochen bezeichnete ein Netzwerk aus Nichtregierungsorganisationen und kirchlichen Gruppen die Bundesrepublik als "Eldorado für Geldwäsche". Auf der Negativliste des sogenannten Schattenfinanzindex rangiert Deutschland noch vor klassischen Steuerparadiesen wie den Bahamas oder der Kanalinsel Jersey auf Platz acht, knapp hinter dem Libanon. "Eigentlich wäre das Aufspüren von Geldwäsche eine einfache Angelegenheit", sagt Viola von Cramon, bis vor Kurzem Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion für europäische Außenpolitik, "man müsste bei Geldströmen nur den Nachweis verlangen, dass es sich um Geld handelt, das versteuert ist. Aber genau das will keiner umsetzen. Das Geld soll strömen, das ist die herrschende Devise."

Aus der Feindschaft zweier Männer wurde ein internationaler Kriminalfall

Von Cramon war mehrere Male in Kasachstan, auch in der Stadt Schanaosen im Südwesten des Landes. Vor knapp zwei Jahren wehrten sich dort Tausende Arbeiter auf den Ölfeldern gegen die katastrophalen Arbeitsbedingungen. Mindestens 17 Menschen starben unter den Schüssen der Polizei, Hunderte wurden verletzt, mehrere Dutzend weitere wurden später als Unruhestifter vor Gericht gestellt. "Europa müsste viel härter gegen Nasarbajew vorgehen", sagt von Cramon.

Falsche Spuren, Verdächtigungen, Urteile

Noch weniger hält die Grünen-Politikerin allerdings von Rachat Alijew: "Der Mann ist schlicht und einfach ein Verbrecher, es ist lächerlich, wenn er sich als verfolgter Oppositioneller präsentiert." Gemeinsam mit anderen Grünen-Politikern hat von Cramon Ende 2012 eine Anfrage an die Bundesregierung hinsichtlich ihrer Kasachstan-Politik gestellt. Es ging um Menschenrechtsverletzungen, um Schicksale Einzelner, um die Wirtschaftspolitik und um den Fall Alijew.

Jede Frage wurde von der Regierung beantwortet, nur bei der Alijew-Frage blockte sie ab, die Erkenntnisse seien mithilfe des Bundesnachrichtendienstes zustande gekommen, diese Antwort könne nur intern eingesehen werden. "Na, dann bin ich hingegangen, ich war schon gespannt, was ich da zu sehen bekomme", sagt Viola von Cramon. Sie überlegt einen Moment. "Ich darf ja nichts sagen, aber eins kann ich verraten, im Wesentlichen stand da: In diesem Fall sind wahnsinnig viele Geheimdienste unterwegs, aus der ganzen Welt."

Wahnsinnig viele Geheimdienste bedeutet: wahnsinnig viel Nebel. Falsche Spuren werden gelegt, es gibt falsche Verdächtigungen, falsche Legenden, falsche Urteile. Das ist das Geschäft. Ein Beispiel: der Mord an dem kasachischen Oppositionspolitiker Altynbek Sarsenbajuli im Jahr 2006, verübt von Mitgliedern einer speziellen Geheimdiensttruppe, die in einem Prozess verurteilt wurden. Beobachter des Prozesses waren sich einig, dass die Hintermänner der Tat unentdeckt blieben.

Rachat Alijew schreibt in seinem Buch, es sei Nasarbajew gewesen, der einem Geheimdienstchef den Mord an Sarsenbajuli befahl.

Andere Quellen, aus dem Dunstkreis der kasachischen Ermittlungsbehörden und der Familie des Ermordeten, verbreiten eine völlig andere Theorie: Demnach soll Rachat Alijew der Mann gewesen sein, der das Attentat organisierte.

Viel Nebel.

An einem Abend in einem Wiener Beisl bei gekochtem Rindfleisch und Marillenschnaps sagt ein Rechtsanwalt namens Richard Soyer, es sei unglaublich, wie viel Desinformation in diesem Verfahren um Rachat Alijew gezielt gestreut werde, "so etwas habe ich in meinem Berufsleben noch nicht erlebt".

Soyer ist kein unabhängiger Beobachter, er vertritt offiziell die Rechtsinteressen des Landes Kasachstan in Österreich, er ist sozusagen der Anwalt des Präsidenten Nasarbajew.

Soyer sagt: "Man kann sich in diesem Fall alles anhören, noch einmal und noch einmal, und wird immer verwirrter, aber eine Sache bleibt: Da wurden zwei Männer gefoltert und umgebracht. Ein Mord bleibt immer ein Mord. Und Herr Alijew steht im dringenden Verdacht, damit etwas zu tun zu haben. Deshalb muss die Staatsanwaltschaft Anklage erheben, damit die Schuld von Herrn Alijew vor einem unabhängigen Gericht geklärt werden kann. Das ist der Kern."

Am Nachmittag zuvor, im Gespräch mit zwei anderen Anwälten, hatte sich das noch anders angehört. Manfred Ainedter und Otto Dietrich, die Anwälte von Rachat Alijew, sind überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen ihren Mandanten einstellen wird. "Alles in diesem Verfahren ist gekauft, manipuliert, die meisten Zeugen auch. Diesen Hintergrund muss man sehen", sagt Dietrich, "und unter diesen Umständen muss man akzeptieren, dass man so nicht die Wahrheit herausfinden kann."

Aus der langjährigen Feindschaft der beiden Männer ist ein großer internationaler Kriminalfall geworden. Aber seit die Justiz in Wien entschieden hat, Rachat Alijew nicht nach Kasachstan auszuliefern, ist sie auch eine österreichische Angelegenheit.

Völlig unklar ist zum Beispiel, warum Alijew nach dem Entzug des kasachischen Passes geradezu über Nacht einen österreichischen Pass bekam – der ihm in der vergangenen Woche offiziell entzogen wurde. Völlig unklar ist, wie lange die Staatsanwaltschaft noch ermitteln will, bevor sie eine Entscheidung trifft. Die zuständige Staatsanwältin heißt Bettina Wallner, mit der Presse redet sie nicht, wegen der laufenden Ermittlungen. Sie muss vorsichtig sein, denn sie ist nicht der erste Staatsanwalt in diesem Fall. Ihr Vorgänger wurde vom Opferverein Tagdyr angezeigt, weil er angeblich das Verfahren verschleppte; die Ermittlungen in dieser Sache wurden eingestellt. Vertreten wird der Opferverein von dem Wiener Prominentenanwalt Gabriel Lansky, gegen den inzwischen selbst Ermittlungen laufen, wegen möglicher Spionage für den kasachischen Geheimdienst.

Wien war schon des Öfteren Anziehungspunkt für gestrauchelte ausländische Politschergen mit einem seltsamen Demokratieverständnis. Vor einigen Wochen stand der ehemalige Vize-Polizeichef von Guatemala hier vor Gericht. Und vor einem Jahr trieb der letzte Premierminister des libyschen Gaddafi-Regimes, Schukri Ghanim, tot in der Donau. Die Behörden befanden sehr rasch: Es war Selbstmord. Und schlossen die Ermittlungsakten.

Mitarbeit: Martin Kotynek