In diesem Land werden nach Recherchen der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch unabhängige Journalisten festgenommen, kritische Internetseiten gesperrt, Oppositionspolitiker wegen "Schüren von sozialem Unfrieden" zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Bei der letzten Präsidentschaftswahl im April 2011 gab es nach Ansicht der Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa "gravierende Unregelmäßigkeiten". Anders gesagt: Die 95,5 Prozent für Nasarbajew waren gefälscht.

Von diesem vermeintlichen Demokraten fühlt sich Rachat Alijew nun verfolgt. Er habe Angst, sagt er im Gespräch mit der ZEIT. Angst um sich, um seine Familie. Der kasachische Geheimdienst sei hinter ihm her, wolle ihn kidnappen und nach Kasachstan verschleppen.

Sein Leben und das große Unrecht, das ihm angeblich widerfahren ist, hat Alijew inzwischen in zwei Büchern niedergeschrieben. Darin entwirft er das Selbstbild eines warmherzigen Edelmannes, der sich vom Apparatschik zum Oppositionellen gewandelt hat. In seiner Eigeninszenierung scheut er auch schmalzige Töne nicht. Seinem jüngsten Werk Tatort Österreich stellt er folgende Widmung voran: "Für alle, die für Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen".

Wobei dieser Anspruch unter den österreichischen Ermittlern nicht so recht verfängt. Nach Informationen der ZEIT liegen der Staatsanwaltschaft Wien inzwischen rund 200 Zeugenaussagen vor, zumeist aus Kasachstan, die Alijews Verwicklung in die Morde an den Bankmanagern beweisen.

Manchmal geht es zwischen zwei Männern nicht um Gut und Böse, sondern um Böse und Böse, auch das ist ein Teil dieser Geschichte.

Krefeld, Rheinhafen, nicht weit entfernt vom Uerdinger Bayer-Werk. Das blaue Schild mit dem Schriftzug "Metallwerke Bender" hängt noch an der Außenwand, doch die Buchstaben sind längst verwittert. Das Tor ist mit einem dicken Schloss abgesperrt, auf der anderen Seite des Firmengeländes soll Stacheldraht Neugierige abhalten. Durch das Fenster des Pförtnerhäuschens hindurch sieht man leer stehende Bürogebäude mit eingeworfenen Scheiben. Ein Schornstein ragt in die Höhe. Gequalmt hat er schon lange nicht mehr.

Jahrzehntelang machten die Metallwerke Bender gutes Geld mit Metallrecycling: Alte Autofelgen, Dachrinnen und anderer Schrott wurde eingeschmolzen und zu neuem Aluminium und Kupfer verarbeitet. Dann ging es bergab. Seit zweieinhalb Jahren liegt das 63.000 Quadratmeter große Firmengelände schon brach. An Wochenenden klettern Fans maroder Industrieanlagen über die Mauern, um die zurückgelassenen Öfen und Tanks zu fotografieren. Metalldiebe klauen alles, was sich noch zu Geld machen lässt; einer von ihnen starb vergangenen Herbst, als er an ein Starkstromkabel fasste.

Die Staatsanwaltschaft Krefeld interessiert sich aus einem ganz anderen Grund für die Metallwerke Bender. Sie führt ein Ermittlungsverfahren gegen Rachat Alijew und weitere Beschuldigte im Zusammenhang mit dem Pleite-Unternehmen. Der Verdacht: Geldwäsche in Millionenhöhe. 2004 war der Metallbetrieb zum ersten Mal insolvent gegangen. Im Jahr darauf tauchte wie aus dem Nichts ein österreichischer Investor auf, Armoreal Trading, geführt von Alijews heutiger Frau, die zeitweise seine Sekretärin in der Vertretung Kasachstans in Wien war. Geschäftsführer der Metallwerke Bender wurde schließlich Alijews heutiger Schwiegervater.

In der Zeit bis 2010 sollen rund zehn Millionen Euro durch den Betrieb geschleust worden sein, um den mutmaßlich kriminellen Ursprung des Geldes zu verschleiern. Das marode, dem Untergang entgegentaumelnde Unternehmen war demnach hochproduktiv: zwar nicht als Metallbetrieb, aber als Geldwaschanlage. Alijew bestreitet auch diese Vorwürfe. Sein Vermögen stamme allein aus legalen Geschäften.

Für wenige Monate übernahm noch ein dubioser Investor aus Dubai die Metallwerke Bender, 2011 schließlich ging der Betrieb endgültig pleite, 100 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Womöglich waren die Metallwerke Bender nur ein kleiner Teil einer noch viel größeren Geldwaschmaschine. Im Jahr 2005 meldete Interpol Wiesbaden erstmals einen Geldwäscheverdacht gegen Rachat Alijew an die Behörden in Wien. Inzwischen durchleuchten Ermittler in Deutschland, Österreich und Malta ein ganzes Geflecht von Firmen im Umfeld von Alijew, teilweise sollen sie von einem Strohmann geführt worden sein. Im Raum steht eine Summe von mehr als 100 Millionen Euro gewaschenen Geldes.

Zu dem Geflecht gehören Managementberatungen, Zuckerhandelsunternehmen und Filmproduktionsfirmen. Allein die österreichischen Ermittler interessieren sich für mehr als ein Dutzend Unternehmen, die inzwischen teils unter neuem Namen weitergeführt werden. Die Finanzströme und Firmenverzweigungen führen nicht nur nach Malta, sondern auch in Offshore-Paradiese wie die Karibikinseln St. Kitts und Nevis.

Nach einer Hausdurchsuchung bei einem Alijew-Treuhänder beschied das Oberlandesgericht Wien Ende 2012: Der Verdacht, "dass über diese Gesellschaften Vermögenswerte, die aus strafbaren Handlungen stammen, gewaschen wurden", sei begründet – gegen Alijew sei der Verdacht sogar "massiv".

Eine zentrale Rolle in diesem Firmengeflecht kommt nach Ansicht der österreichischen Justiz der A.V. Maximus Holding AG zu – jener Firma, die über Umwege fast sieben Millionen Euro in das Vorzeigevorhaben der Stadt Wien gesteckt hat, das Medienzentrum in St. Marx. Nach Informationen der ZEIT bewegt sich das Firmengeflecht seit einigen Monaten von Österreich weg, das Geld fließt jetzt in Richtung Malta. Auch dort wird Alijew inzwischen der Geldwäsche verdächtigt. Im Sommer 2013 wurde sein Vermögen von den maltesischen Behörden vorübergehend eingefroren.

Ob die Staatsanwaltschaft Krefeld Anklage gegen Alijew erhebt, ist trotz der langjährigen Ermittlungen noch unklar. Geldwäscheverfahren werden in Deutschland häufig eingestellt, aus einem einfachen Grund: Die Ermittler müssen nachweisen, dass die Geldflüsse aus schmutzigen Geschäften stammen, und das ist oft schwer. Kriminalbeamte fordern daher seit Langem einen Umkehrschluss: Beschuldigte sollten beweisen müssen, dass ihre Gelder sauber sind.

Vor wenigen Wochen bezeichnete ein Netzwerk aus Nichtregierungsorganisationen und kirchlichen Gruppen die Bundesrepublik als "Eldorado für Geldwäsche". Auf der Negativliste des sogenannten Schattenfinanzindex rangiert Deutschland noch vor klassischen Steuerparadiesen wie den Bahamas oder der Kanalinsel Jersey auf Platz acht, knapp hinter dem Libanon. "Eigentlich wäre das Aufspüren von Geldwäsche eine einfache Angelegenheit", sagt Viola von Cramon, bis vor Kurzem Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion für europäische Außenpolitik, "man müsste bei Geldströmen nur den Nachweis verlangen, dass es sich um Geld handelt, das versteuert ist. Aber genau das will keiner umsetzen. Das Geld soll strömen, das ist die herrschende Devise."

Aus der Feindschaft zweier Männer wurde ein internationaler Kriminalfall

Von Cramon war mehrere Male in Kasachstan, auch in der Stadt Schanaosen im Südwesten des Landes. Vor knapp zwei Jahren wehrten sich dort Tausende Arbeiter auf den Ölfeldern gegen die katastrophalen Arbeitsbedingungen. Mindestens 17 Menschen starben unter den Schüssen der Polizei, Hunderte wurden verletzt, mehrere Dutzend weitere wurden später als Unruhestifter vor Gericht gestellt. "Europa müsste viel härter gegen Nasarbajew vorgehen", sagt von Cramon.