Eigentlich hatte die junge Kundin von ihrem Versicherungsberater nicht ernsthaft eine Antwort erwartet, als sie mit einem Brief ihres Autoversicherers zu ihm gegangen war. In diesem Brief kündigte der Versicherer zum neuen Jahr eine Preiserhöhung an. "Ob sich da etwas machen lässt?", fragte sie. Es ließ sich etwas machen: Nun zahlt die Kauffrau beim selben Versicherer nicht mehr, sondern 30 Prozent weniger als früher für die Vollkasko- und Haftpflichtpolice ihres fünf Jahre alten Golfs – und spart 180 Euro im Jahr.

Viele andere Autobesitzer könnten die Kosten ihrer Kfz-Police ebenfalls drücken, wenn sie ihre Versicherer anrufen würden, um nach einem günstigeren Tarif zu fragen – oder wenn sie verschiedene Anbieter vergleichen würden.

Viele Gesellschaften verschicken in diesem Herbst Briefe, in denen sie Preiserhöhungen ankündigen. Da die deutschen Verbraucher ihre alte Kfz-Versicherung noch bis zum 30. November kündigen können, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, sich umzusehen. Marktkenner beobachten allerdings, dass Autofahrer ihre Versicherungen eher wechseln, wenn die Preise sinken, und ihren Anbietern eher treu bleiben, wenn die Preise in der Branche steigen. Das kommt diese Kunden teurer zu stehen, als sie denken.

33 bis 59 Prozent ihrer Beiträge könnten deutsche Autofahrer im Schnitt bei der Versicherung sparen, ganz ohne Qualitätseinbußen. So groß ist der Abstand zwischen dem billigsten und dem durchschnittlichen Tarif – bei gleicher Leistung. Die teuersten Versicherer sind bei dieser Betrachtung noch nicht einmal berücksichtigt. Ermittelt hat dies Thomas Köhne, Professor des Instituts für Versicherungswirtschaft der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, der eine Marktstudie erstellt hat, im Auftrag des Direktversicherers Direct Line – der hierzulande mit günstigen Tarifen Kunden gewinnen will.

Köhne untersuchte, wie viel zehn Musterkunden für ihre Kfz-Versicherungen bezahlen, und das jeweils für 20 Wohnregionen. Verglichen hat er dann nur Angebote, bei denen Kunden, Automodell und Wohnort identisch waren, um zu sehen, wie groß die Differenzen zwischen den Anbietern sind. Das Ergebnis der insgesamt 33.000 Datensätze hat ihn überrascht.

Im harmlosesten Fall lag die Preisspanne bei knapp 700 Euro. So viel könnte eine 43-jährige Hausfrau mit Zweitwagen sparen, wenn sie vom teuersten zum günstigsten Versicherer wechselte. Beim markantesten Fall, dem 20-jährigen Studenten mit Polo in Berlin, läge das Einsparpotenzial bei stolzen 3.500 Euro. "Im Durchschnitt der 200 untersuchten Kombinationen beträgt die Spannbreite 1.338 Euro", stellt die Studie fest. Für Köhne ist aber aussagekräftiger, wie weit das günstigste Angebot vom Marktdurchschnitt entfernt ist – sehr teure Ausreißer, die das Bild verzerren, bleiben so außen vor. "Der Verbraucher lässt im Schnitt 500 Euro auf der Straße liegen", sagt Köhne. Bei fast gleichen Policen.

Woher kommen die enormen Preisspannen? Autoversicherer sammeln Dutzende Details über ihre Kunden. Dadurch können sie Versicherte in Risikogruppen einteilen und genau kalkulieren. Deswegen versichern sie auch den Beamten und vorsichtigen Ford-Fahrer mit zwei Kindern günstiger als den selbstständigen Single im BMW mit 260 PS. Umso erstaunlicher, dass Unternehmen den selben Kunden so unterschiedlich einstufen, dass die Beiträge um bis zu 260 Prozent auseinanderklaffen. "Das kann eigentlich nicht sein", sagt Köhne. Die Ergebnisse ließen nur den Schluss zu, dass die teuersten Anbieter überzogene Preise verlangten oder die günstigsten Versicherer ihre Leistung so preiswert anböten, dass sie nicht mehr kostendeckend arbeiteten. Oder beides.

Die Preispolitik der Versicherer sei undurchschaubar, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten: "Transparenz im Kfz-Versicherungsmarkt? Die gibt es schon lange nicht mehr", sagt sie. Kein anderer Versicherungszweig war in den vergangenen Jahren so hart umkämpft. Grund dafür ist die gesetzliche Deregulierung von 1995. Sie ermöglichte günstigen Direktversicherern den Marktzugang. Den Großkonzernen liefen daraufhin scharenweise die Kunden davon. So unterboten sich die Gesellschaften jahrelang mit immer neuen Kampfpreisen, um Wechselwillige anzulocken. Zahlten Kunden 1995 durchschnittlich 720 Euro für Haftpflicht und Vollkasko, waren es 2011 nur noch 504 Euro. Die Folge des Wettstreits: Im Durchschnitt der vergangenen Jahre stiegen etwa 1,5 Millionen Bundesbürger im Jahr auf neue Versicherungen um.