Was kostet die Kunst, und weshalb kostet sie, was sie kostet?" Diese Frage stellte sich Peter Hacks in seinem höchst lesenswerten Großessay Schöne Wirtschaft. Das war 1987, Hacks konnte also bedauerlicher- oder besser beneidenswerterweise nicht die vergangene Woche in Betracht ziehen: An drei Auktionsabenden in New York wurden da bei Christie’s, Sotheby’s und Phillips rund 1,1 Milliarden Dollar mit zeitgenössischer Kunst umgesetzt. Ein Triptychon von Francis Bacon erzielte den neuen Auktionshöchstpreis von 142,4 Millionen Dollar und verwies Edvard Munchs Der Schrei auf die Ränge, Jeff Koons’ knalliger Balloon Dog kam auf 58,4 Millionen (ZEIT Nr. 47/13). In Hamburg war derweil die Kunst erschwinglicher: Auf der Affordable Art Fair boten vier Tage lang 70 Galerien Kunstwerke feil, deren Preis zwischen 100 und 5000 Euro lag. "Was kostet die Kunst, und weshalb kostet sie, was sie kostet?" Tja.

Bevor es zur Keilerei über diese Frage kommt, ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn man die Hamburger Discounter- und die New Yorker Delikatessen-Preise des Kunstmarkts als Folge ein und desselben Prozesses versteht? Wenn sie beide, nur eben auf unterschiedliche Weise, auf das im 20. Jahrhundert so häufig proklamierte Ende der Kunst hinweisen? Was, wenn die schreiende Preisdifferenz davon zeugt, dass die Kunst, alle Kunst, heute wirklich völlig darniederliegt, dass sie nicht mal mehr darbt, sondern ganz buchstäblich künstlich am Leben gehalten werden muss?

Man muss jedenfalls zur Kenntnis nehmen, dass jetzt das teuerste Gemälde der Welt nach Duchamps berühmtem Diktum C’est fini la peinture entstanden ist. Man hat also Duchamp nicht glauben wollen. Mehr noch, 142 Millionen Dollar für ein Bild von Bacon, das sich mit Lucian Freud ausgerechnet einen Malerkollegen zum Sujet nimmt, das ist unübersehbar der Versuch, ein und für alle Mal fertigzuwerden mit dem ungeliebten Künstler: C’est fini Marcel Duchamp.

Auf dieselbe Weise will man mit Andy Warhol fertigwerden. Bloß nicht nachdenken, was das eigentlich heißen sollte, als er über die Kunstwerke aus seiner Factory sagte: "We don’t have any feeling about them at all, even when we are doing them. It just keeps us busy. It’s something to pass the time."

Je hohler das Werk, desto reiner kann es der Glaube beseelen

Mit Koons’ Balloon Dog, einem visuellen Kalauer, kann man sich zwei Minuten lang die Zeit vertreiben: lustig, ein profaner Gegenstand, ganz klassisch zu Kunst veredelt, kein Scherz, aber ironisch selbstreflexiv, weil ja wortwörtlich aufgeblasen, sodass die Kunst in dem Werk ganz glänzend auf den Hund kommt, natürlich nicht ohne uns dabei den Spiegel vorzuhalten! Was vergessen?

Wieso der Wahnsinnspreis für dieses hohle Werk? Weil man nicht wahrhaben will, dass Kunst ein bloßer Zeitvertreib, dass sie vollendete Profanität ist. Sodass hier in Wahrheit der zeitgenössische Atheismus vor sich selbst erschrickt: Lieber glaubt man an Koons, als nicht zu glauben! Und, nach dem Gesetz des credo quia absurdum est: Je hohler das Werk, desto reiner kann es der Glaube beseelen beziehungsweise mit desto mehr Kredit kann man das Werk ausstaffieren.

Vergessen wir auch nicht, dass es Hegel war, der erstmals das Ende der Kunst verkündete, weil er sah, dass ihr die alten theologischen und transzendentalen Quellen versiegten. Die heutigen Preise sind so gesehen der zum Scheitern verurteilte Versuch, die Einsicht der Philosophie ökonomisch zu widerlegen. Oder genauer: Auktionen sind ökonomisch-spiritualistische Séancen mit dem Ziel, den komatösen Körper der Kunst wiederzubeleben. Je länger dieser Körper im Koma liegt, desto verzweifelter (und teurer) werden die Versuche, ihn wieder flottzubekommen – und desto gespenstischer zucken seine Glieder.

Weniger hochfliegend als in New York – Hamburg bleibt sich treu – nimmt sich das Ende der Kunst an der Elbe aus. Der "Kulturmacher" (Selbstbezeichnung) Oliver Lähndorf, Messechef, sagt, jeder solle in den Genuss kommen, Kunst zu kaufen, Kunst sei für alle da. Was er nicht sagt: Viele haben wenig Geld, daraus kann viel Geld für einige wenige werden. Und dass "Kunst für alle" ihr emanzipatorisches Potenzial nicht gerade in einer eintrittspflichtigen Messe, sondern vor allem als Kunst im öffentlichen Raum entfaltet.