Eines vorweg: Handel und Lebensmittelindustrie machen gute Arbeit; in der Regel jedenfalls. Mit ihren Fertigprodukten erleichtern sie vielen Menschen das Leben. Hinter tiefgekühltem Fisch, eingeschweißten Tortellini oder sogar kompletten Menüs stecken ausgefeilte Produktionsmethoden, in denen Präzision, Sorgfalt und Hygiene über Qualität bestimmen. Und die ist – trotz aller Ausreißer – bei der Masse der Produkte gut.

Diese Art der Ernährung mag nicht jedem schmecken. Doch auch jene, die Zeit und Lust zum selber Kochen haben, können aus einem riesigen Angebot frischer Ware wählen. Alles in allem ist es eine logistische Meisterleistung, die Menschen täglich mit Grünkohl vom Bauern aus der Region, Bananen aus Ecuador oder frischem Fisch aus dem Pazifik zu versorgen. All das muss auch mal geschrieben werden in einer Zeit, in der bei vielen die Meinung vorherrscht, in der Lebensmittelbranche seien nur skrupellose Gesellen unterwegs.

Diesen Eindruck kann tatsächlich gewinnen, wer die verlässlich wiederkehrenden Skandale verfolgt: Ehec-Erreger auf Sprossen, nach deren Verzehr Menschen sterben. Dioxin in Hühnern und Eiern; ein Gift, das zwar nicht akut krank macht, aber trotzdem gefährlich werden kann, wenn es sich im Körper anreichert. Im Vergleich dazu mutet Pferdefleisch in vermeintlichem Rindergulasch geradezu harmlos an. Betrug ist es natürlich trotzdem. Gerade erst kam – wieder einmal – in Niedersachsen der Verdacht auf, dass ein reger Handel mit Gammelfleisch betrieben wurde.

Es ist frustrierend: Seit Jahren fordern Verbraucherschützer, die amtlichen Kontrollen zu verstärken. Das allein ist also nicht neu. Überraschend aber kam jüngst diese Forderung auch vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, kurz BLL. Selbst dieser Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft glaubt also, dass die staatlichen Kontrollen der Branche dringend verstärkt werden müssen.

Nun geht es niemandem darum, hinter jede Gulaschdose einen amtlichen Aufseher zu postieren. Doch die Verantwortlichen in den 1,2 Millionen Betrieben der Lebensmittelbranche sollten öfter damit rechnen müssen, dass ein Kontrolleur vorbeischaut. Zurzeit sind nicht einmal 2.500 Männer und Frauen in öffentlichen Diensten, was zur Folge hat, dass die Hälfte aller Unternehmen von einer amtlichen Aufsicht verschont bleibt. Mehr ist einfach nicht zu schaffen.

Das Vorpreschen des Branchenverbandes zeigt, dass die seriösen Unternehmen ein großes Interesse daran haben, den schwarzen Schafen in ihren Reihen das Handwerk zu legen. Denn es sind die gewissenlosen Geschäftemacher, die den Ruf der gesamten Branche ruinieren.

Doch wer soll zahlen, wenn mehr Personal engagiert und die Taktzahl der Regelkontrollen erhöht wird? Zuständig dafür sind die Bundesländer und Kommunen. Denen aber fehlt meist das Geld. Deshalb kommt eine aktuelle Initiative des Bundesrates gerade recht. Das Gremium fordert, eine Pflichtgebühr für alle amtlichen Kontrollen einzuführen. Und die soll komplett von den Unternehmen gezahlt werden – gut so.

Der BLL lehnt das allerdings strikt ab. Es könne nicht sein, dass einwandfrei arbeitende Betriebe für Routinekontrollen zahlen müssten, lautet das Argument. Es klingt kleinkrämerisch, wäre im Ansatz aber durchaus nachvollziehbar, gäbe es nicht die unsäglichen Beispiele, in denen sich alle Beteiligten hinter weitverzweigten und nebulösen Lieferketten verschanzten. Die wahren Übeltäter sind in diesen Fällen von den Behörden allenfalls in mühsamer Kleinarbeit zu finden. Da klingt es oft wie Hohn, wenn die Branchenvertreter auf ihre eigenen Kontrollen verweisen, die offensichtlich den komplexen und globalen Strukturen selbst nicht immer gewachsen sind. Gerade deshalb wird ja der Ruf nach staatlicher Aufsicht immer lauter.

Die Pflicht zu deren Finanzierung dürfte die Lebensmittelunternehmer motivieren, für klare Lieferstrukturen und generell für mehr Transparenz zu sorgen. Dann nämlich sinkt der Aufwand der Behörden und damit die Kosten: Je mehr funktioniert, desto weniger wird reglementiert. Das dürfte auch den Verbrauchern schmecken.