DIE ZEIT: Herr Kiefer, gemeinsam mit dem Religionswissenschaftler Rauf Ceylan haben Sie ein Buch über Salafismus geschrieben, eine fundamentalistische Strömung im Islam. Es richtet sich auch an Lehrer. Warum sollten die das lesen?

Michael Kiefer: Die Salafisten bilden zwar nur eine sehr kleine Minderheit der rund vier Millionen Muslime in Deutschland, der Verfassungsschutz schätzt ihre Zahl auf fünf- bis sechstausend – aber es ist eine rasant wachsende Minderheit. In manchen Bundesländern hat sich die Zahl ihrer Anhänger innerhalb eines Jahres verdoppelt. Das Einstiegsalter liegt in einigen Fällen bei 15 Jahren. Die Schule ist deshalb der wichtigste Ort, an dem man einem Abdriften in islamistische Kreise vorbeugen kann. Dazu muss man aber erst einmal wissen, womit man es zu tun hat.

ZEIT: Verfolgt man die Debatte in der deutschen Öffentlichkeit, bekommt man den Eindruck, Salafismus ist automatisch mit gewaltbereitem Islamismus gleichzusetzen.

Kiefer: Nein, nicht jeder Salafist zieht gleich in den Dschihad nach Syrien. Es gibt auch Gruppen, die gegen Gewalt sind. Man kann Salafist sein und sich trotzdem an die hier geltenden Gesetze halten. Wir haben nicht das Recht, zu sagen, in dieser Art und Weise dürft ihr nicht religiös sein. Allerdings kann der Weg zum militanten Islamismus kurz sein.

ZEIT: Salafisten haben das Ideal eines islamischen Gottesstaates, der nach den Regeln des 7. Jahrhunderts funktioniert. Warum finden das Jugendliche in Deutschland attraktiv?

Kiefer: Die globalisierte Gesellschaft ist unübersichtlich geworden. Der Salafismus bietet durch sein System von einfachen Regeln – er ordnet die Welt in die Kategorien erlaubt und verboten – eine Orientierung. Jugendliche, die nicht über eine stabile religiöse Grundbildung verfügen, sind dafür anfällig. Für viele ist auch einfach das Gruppenangebot attraktiv, es zieht die Verunsicherten an, die, die keine Freunde haben. Salafistische Gruppen vermitteln ihnen das Gefühl, dass sie wichtig sind, Teil einer großen Sache, besser als die anderen.

ZEIT: Hört sich an, als würde es nicht nur um Religion gehen ...

Kiefer: Das ist in gewisser Weise auch so. Es ist eine krude, schlichte Botschaft, die bei Jugendlichen, die sich an den Rand gedrängt fühlen oder in einer Lebenskrise stecken, auf fruchtbaren Boden fällt. Deshalb finden sich auch so viele Konvertiten in dieser Szene. Der Eintritt in eine salafistische Gruppe ist für diese Jugendlichen ein soziales Ereignis, das sie aufwertet. Da geht es nicht nur um religiöse Inhalte.

ZEIT: Welche Rolle spielt dabei das Internet?

Kiefer: Eine große. Die islamistischen Hassprediger sind da auf der Höhe der Zeit, sie haben im Netz eine enorme Präsenz. Auch wenn eine Radikalisierung nur über das Internet allein vermutlich nicht stattfindet, ist es doch ein Einfallstor. Ist ein Jugendlicher erst in salafistischen Kreisen drin, ist es schwer, ihn da wieder rauszuholen. Ähnlich wie bei einer Sekte. Deshalb ist frühe Prävention so wichtig. Aber genau da ist Deutschland noch ein Entwicklungsland.