Frieden ist manchmal nichts weiter als die Fähigkeit, die Nähe des Krieges zu verdrängen. Der Libanon ist ein Meister dieser Kunst. Die fehlende Aufarbeitung des Bürgerkriegs in den siebziger und achtziger Jahren wurde von den glitzernden Silhouetten des Wiederaufbaus verdeckt. Politische Attentate nicht aufzuklären ist hier eine geübte Methode der Konfliktvermeidung. Und noch bis vor Kurzem schien die Verleugnungsstrategie der politischen Elite angesichts des syrischen Bürgerkriegs aufzugehen.

Die Verheerungen im Nachbarland, die Flüchtlingsströme Richtung Libanon – all das wurde in Beirut mit rhetorischen Beschwichtigungen und Nichteinmischungsgelübden beiseitegewischt. Das schien nicht die dümmste Strategie zu sein für ein kleines Land, das, eingegrenzt von den mächtigen Nachbarn Israel und Syrien, fast den gesamten Konfliktstoff des Nahen und Mittleren Ostens vereint: die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Muslimen und Christen, zwischen mächtigen Familienclans, zwischen verfeindeten Gruppen palästinensischer Flüchtlinge.

Spätestens seit dem Anschlag am vergangenen Dienstag funktioniert das so nicht mehr. Mehr als 20 Menschen starben, als sich zwei Selbstmordattentäter vor der iranischen Botschaft in die Luft sprengten. Über 140 erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die Botschaft liegt im Süden von Beirut, in einem von der schiitischen Hisbollah-Miliz dominierten Stadtteil unweit des größten Fußballstadions, in dem ausgerechnet an diesem Abend ein Länderspiel Libanon gegen Iran angesetzt war.

Zur Tat bekannten sich die sunnitischen Abdullah-Azzam-Brigaden, die Al-Kaida nahestehen. Das jedenfalls lässt sich aus einem Twitter-Post ihres religiösen Oberhaupts schließen, wonach der Anschlag eine "doppelte Märtyrer-Operation zweier sunnitischer Helden aus dem Libanon" gewesen sei. Damit steckt man auch schon mitten drin im syrischen Krieg.

Die militärischen Fronten dort haben sich verschoben: das überwiegend schiitisch-alawitische Regime um Präsident Baschar al-Assad, vor einigen Monaten noch in der Rückwärtsbewegung, verzeichnet dank Rüstungshilfe aus Russland sowie Elitetruppen des Irans und der Hisbollah wieder Bodengewinne. Die Rebellen, geschwächt durch interne Konflikte und die zunehmende Präsenz extremistischer sunnitischer Milizen, darunter auch der Abdullah-Azzam-Brigaden, geraten derzeit vor allem im syrisch-libanesischen Grenzgebiet massiv unter Druck. Den Anschlag vom Dienstag darf man zum einen als Reaktion auf die militärischen Erfolge der Achse Damaskus–Teheran–Hisbollah sehen, zum anderen als Botschaft an Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah: "Sieh her, wir können den Krieg auch zu dir nach Hause tragen."

Im Mai dieses Jahres hatte Nasrallah die militärische Allianz mit Syriens Präsidenten Assad ganz offen proklamiert und damit das Schicksal seiner Organisation mit dessen politischem Überleben verknüpft. Das war nicht der erste und auch nicht der einzige, aber vielleicht der folgenreichste Bruch des innerlibanesischen Stillhalteabkommens.

Schiiten und Sunniten aus dem Libanon zündeln in Syrien mit

Das bestand nämlich aus zwei Teilen: einer offiziellen, letztlich wertlosen, Erklärung aller politisch-militärischen Fraktionen aus dem Juni 2012, sich nicht in den Syrien-Krieg einzumischen; und einem inoffiziellen Agreement, im eigenen Land nicht darüber zu reden, wenn man beim großen Nachbarn mitzündelt. Gezündelt hat von Beginn an freilich nicht allein Hisbollah. Noch vor Nasrallahs Bekenntnis im Mai wurden sunnitische Politiker beschuldigt, ihrerseits den Waffennachschub aus Saudi-Arabien an syrische Rebellen zu organisieren.