Voller Neid blickt das Nordlicht ja oft auf den deutschen Südwesten: Der Wohlstand ist dort zu Hause, die Weine munden, die Sonne lacht diesen Gefilden auf eine geradezu unverschämte Art, die man dem dortigen Menschenschlag nicht immer gönnen kann. In Literatur Vernarrte haben zudem einen speziellen Grund, das Glück der Badener und Württemberger zu bestaunen: Seit einem Vierteljahrhundert gibt es dort die Spuren, die hier von Norden aus endlich einmal gewürdigt werden sollen. So heißen nämlich die schmalen, edel gestalteten und in feines, leicht transparentes Pergaminpapier gehüllten Hefte, die sich viermal im Jahr mit einem 16-Seiten-Essay jeweils einem Ort dieser Weltgegend widmen, der in Leben und Werk eines Autors eine besondere Rolle spielt. Turgenjew in Baden-Baden, Tschechow in Badenweiler, Wolfgang Koeppen, Paul Celan, Ernst Jünger, Stefan George, Rimbaud, Rilke, Beckett, natürlich Schiller und Wieland, der durchreisende Goethe: Ihnen allen und vielen anderen Berühmten oder Vergessenen widmen sich ein oder gar mehrere Spuren-Hefte, zu beziehen über das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Wer diese originellen Produkte eines intellektuellen Lokalpatriotismus durchblättert, fragt sich unweigerlich, warum deren Autor-plus-Ort-Konzept nicht endlich auch anderswo in Deutschland systematisch kopiert wird – wenigstens literaturhistorisch sind wir Restdeutschen ja nicht so viel ärmer dran.

Im soeben erschienenen 100. Heft der Spuren präsentiert der Historiker Günter Riederer einen besonderen Ort und einen aufregenden Tag in der Geschichte des Ländles: Am 4. Dezember 1974, morgens um halb zehn, landete auf dem Stuttgarter Flughafen der damals berühmteste Philosoph der Welt. Jean-Paul Sartre war aus Paris gekommen, um Deutschlands berüchtigsten Gefangenen zu besuchen – Andreas Baader, der seit einem Monat im Gefängnis von Stammheim einsaß. "Stammheim" wurde sofort ein Mythos und ist es bis heute, der einst modernste Knast der Bundesrepublik, in den die RAF-Terroristen verlegt wurden und in dem sie sich später umbrachten – in den Augen mancher Linken war es die faschistoide Zwingburg, ein Symbol des Schweinesystems.

Der Philosoph und der Terrorist, Frankreich und Deutschland: Das war eine Kombination, die zu einem gigantischen Medienereignis wurde; die Tagesschau sendete die Bilder abends in die deutschen Wohnzimmer. Fotoreporter und Kameraleute stürzten sich schon auf dem Rollfeld auf Sartre, der, von RAF-Anwalt Klaus Croissant und Daniel le rouge Cohn-Bendit, flankiert, nach Stammheim fuhr. Das einstündige Gespräch mit Baader verlief angestrengt, weil der Dolmetscher mit dem Revoluzzervokabular nicht zurechtkam. In der anschließenden Soli-Pressekonferenz fiel dennoch Jean-Paul Sartres skandalträchtiges Wort von der "psychischen Folter", der die Terroristen ausgesetzt seien. Doch untereinander waren sich der Denker und der Täter nicht nähergekommen. In einem Kassiber beklagte Baader seinen "eindruck von alter" bei Sartre – der wiederum im Auto auf der Rückfahrt gegenüber Cohn-Bendit seinen Eindruck bündig zusammenfasste: "Was für ein Arschloch, dieser Baader."