An dem Tag, an dem wir von Bamako aus nach Gao aufbrechen, kommt die gute Nachricht, dass nördlich dieser Stadt im Norden Malis vier französische Geiseln freigelassen wurden. Sie waren mehr als drei Jahre in den Händen ihrer Entführer gewesen. Als wir in Gao ankommen, brechen von dort zwei französische Radiojournalisten auf, um noch weiter nördlich, in der Stadt Kidal, zu recherchieren. Sie kommen nicht mehr zurück. Ghislaine Dupont und Claude Verlon werden mitten in Kidal entführt und noch am selben Tag wenige Kilometer außerhalb der Stadt erschossen. Freiheit und Tod, das ist der Bogen unserer Reise in diese noch immer umkämpfte Region.

Es sind rund 1.200 Kilometer von der malischen Haupstadt Bamako bis nach Gao. Die Straße dorthin ist asphaltiert, aber dermaßen mit Schlaglöchern übersät, dass man auch im Geländewagen zwei Tage braucht, um die Strecke zurückzulegen. Bis zum vergangenen Januar gab es fast kein Durchkommen, denn Gao war zur Bastion radikaler Islamisten geworden. Köpfen, Hand-Abhacken, Steinigungen, die Nachrichten aus der hunderttausend Einwohner zählenden Stadt klangen schrecklich. Der ganze Norden des Landes hatte sich im April 2012 unter Führung der ethnischen Minderheit der Tuareg abgespalten. Des entstandene Gebilde nannten sie Azawad. Dann übernahmen die Islamisten die Macht. Mali drohte die endgültige Teilung. Doch am 10. Januar 2013 intervenierte die französische Armee. Knapp zwei Wochen später war Gao von der Herrschaft der Islamisten befreit.

Unsere Reise beginnt, wo eine Reise beginnen muss, wenn sie in eine von Aufstand, Krieg und Terror gezeichnete Gegend führt: bei den Militärs. Wir treffen sie in Malis Hauptstadt Bamako, in einem kleineren Gebäudekomplex im Stadtzentrum. Hier erteilen Offiziere Journalisten die begehrte Genehmigung, die es ihnen erlaubt, in den Norden zu fahren, wo inzwischen in allen größeren Orten Kontrollpunkte der Armee errichtet worden sind. Der Besuch bei den Militärs ist keine unkomplizierte Angelegenheit, denn ohne die Schwäche der Armee wäre es wohl nie zur Abspaltung des Nordens vor einem Jahr gekommen. Die malischen Soldaten haben den aufständischen Tuareg und den Islamisten den Norden kampflos überlassen, sie zogen sich bis nach Mopti zurück, knapp 650 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bamako. Dieser Rückzug, der einer Flucht ähnelte, hat nicht nur das Vertrauen der Malier in die Fähigkeiten ihrer Armee untergraben; der Rückzug wird von den Offizieren selbst als Schmach empfunden. Sie möchten die Erinnerung daran vergessen machen.

Westafrika - ZEIT-Redakteur Ulrich Ladurner über Musik gegen Extremismus in Mali Ulrich Ladurner hat in Mali Musiker getroffen, deren Instrumente von Islamisten zerstört wurden. Die Menschen wünschen, dass die französische Armee im Land bleibt.

Wie? Indem sie neue Stärke zeigen. "Die Sache ist klar: Es kann nur Frieden im Norden geben, wenn alle bewaffneten Gruppen entwaffnet werden!" Das sagt Colonel Souleymane Maiga, der Pressesprecher der Armee. Schon richtig, denn wenn der Staat das Gewaltmonopol nicht herstellen kann, wird es keinen dauerhaften Frieden geben. Die Frage aber ist: Ist das malische Militär überhaupt dazu in der Lage? Eine Frage, die man einem Offizier, der die Genehmigung für die Fahrt in den Norden ausstellt, nicht unbedingt stellen sollte.

Doch sie begleitet uns die ganze Reise hindurch, weil die stolzen Malier sich diese Frage immer wieder selbst stellen. Warum mussten wir ausgerechnet den ehemaligen Kolonialherren Frankreich zu Hilfe rufen, um der Extremisten im eigenen Haus Herr zu werden? Ging es wirklich nicht anders? Das sind die Selbstzweifel einer Nation, die an den Folgen von Spaltung und Intervention laboriert.

Die Offensive der Franzosen begann in einem Ort namens Konna. Dort hängt am Straßenrand, von der unerbittlichen Sonne schon gebleicht, die französische neben der malischen Nationalflagge. Das ist als Zeichen brüderlicher Verbundenheit zwischen Mali und Frankreich gedacht. Es gibt noch weitere solcher Zeichen: Es soll heute in Mali eine ganze Reihe von Kindern geben, die ein Leben lang damit zurechtkommen müssen, dass sie den Namen Hollande verpasst bekommen haben, in Erinnerung an den französischen Präsidenten François Hollande, der die Intervention befahl. Es gibt keine Statistiken über die Verbreitung dieses Namens, doch man erzählt sich die Geschichte von den vielen kleinen malischen Hollandes gern in westlichen Diplomatenkreisen. Es ist ja auch eine schöne Geschichte, wenn der ehemalige Unterdrücker als Befreier erscheint; sie passt perfekt zum Selbstverständnis der Interventionsmacht Frankreich.

Konna ist schnell an uns vorbeigehuscht, wie ein Schatten, dabei hatte es dieser Ort vor wenigen Monaten in die Schlagzeilen der Weltpresse gebracht: als der Ort, an dem die Wende begann. Als die Islamisten sich den Norden Malis unter den Nagel rissen, da war der Westen von seinen Kriegen im Irak und in Afghanistan demoralisiert und geschwächt, doch in Konna ermannte er sich wieder, unter der Führung Frankreichs. Er stoppte den Vormarsch des Terrorismus gerade rechtzeitig, auch das ist eine Geschichte, die die Intervention begleitet.