Am Sonntag verstarb in London die Schriftstellerin Doris Lessing. Es gibt niemals einhellige Urteile über Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Aber jedes Urteil sollte wenigstens begründbar sein. Mein Urteil über Doris Lessing: Sie war eine große Schriftstellerin.

Für dieses irritierende Wort "groß" bedarf es einiger Erläuterungen. Heißt das, dass jedes Werk gelungen wäre? Das könnte ich bei Doris Lessing, wie auch in so vielen anderen Fällen, nicht beurteilen. Bei aller Wertschätzung den Künsten gegenüber – ein Experte bin ich diesbezüglich nicht. Manchmal, da kann ich Marcel Reich-Ranicki recht geben, reicht es schon aus, dass eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller ein wichtiges Werk geschrieben hat. Nur: Wichtig für wen? Selbstverständlich für ein Publikum. Aber hier muss man sicherlich eine Unterscheidung treffen: zwischen dem Kurzfristig-Aktuellen, das seine Nähe zur Mode nicht verleugnen kann, und einer Relevanz, die über lange Zeiträume Bestand hat.

Es gibt zwei, vielleicht auch mehr, Möglichkeiten, Relevanz zu erreichen. Einmal kann die Kunstform revolutioniert werden, es kann aber auch durch die Wahl von Sujets etwas in den Blick genommen werden, das tief genug geht, um noch spätere Generationen zu interessieren. Natürlich kann auch beides zugleich stattfinden. Doris Lessing hat sich als Schriftstellerin für das Thema Unterdrückung interessiert – und das in seinen unterschiedlichen Facetten. Ihr erster Roman, Afrikanische Tragödie, der den Rassismus anprangerte, bescherte ihr auch ersten Ruhm und für einige Zeit ein Einreiseverbot nach Südafrika. Meiner Meinung nach ist das ihr wichtigstes Werk. In dieser Zeit war sie auch Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens, die sie später verließ. Ihr einflussreichstes Buch ist jedoch Das Goldene Notizbuch. Sieht man von der ungewöhnlich starken Erzählkunst ab, wurde es darüber hinaus für die feministische Bewegung wichtig, es wurde deren "Bibel". Aber dieses Werk spricht mehr Menschen an als den eher engen Kreis von Feministinnen. Es hat ein Allgemeines, das all diejenigen Menschen anzusprechen vermag, die ein Sensorium für ihre jeweilige Epoche haben. Unsere Zeit hat in Rassismus, Ausbeutung und Frauenunterdrückung ihre negative Signatur, und wir haben das Sensorium, auf derartige Phänomene kritisch-aufmerksam zu reagieren. Darüber hinaus vermag große Literatur unsere Wahrnehmung für kritikwürdige Praktiken zu schärfen. Ich möchte einfach die These riskieren, dass man als veränderter Mensch die Lektüre des Goldenen Notizbuchs beendet. Ja, Doris Lessing war ein Geschenk an die Weltliteratur. Sie hinterlässt uns mit ihrem Werk einen Schatz an Menschlichkeit, Skepsis, Leidenschaft, Weiblichkeit und visionärer Kraft. In ihren Werken lebt davon etwas weiter.

Ich denke, dass der Begriff der politischen Kunst sehr unklar ist. Natürlich gab es Schriftstellerinnen und Schriftsteller, vor allem im Umfeld der kommunistischen Parteien, die ihr Werk bewusst in den Dienst der politischen Kämpfe ihrer Zeit stellten. Das hat jedoch am ästhetischen Eigensinn der Künste wenig bis nichts geändert. Dann gibt es Künstlerinnen und Künstler, die dem unmittelbaren politischen Engagement sehr fernstehen, deren Werke jedoch einen Gehalt haben, der sich ohne Bezug zur politischen Signatur des Zeitalters nur schwer erschließen ließe. Gerade Doris Lessings Goldenes Notizbuch zeigt das deutlich. Zum Zeitpunkt der Erarbeitung reflektierte sie auf ihre Ablösung von der Kommunistischen Partei, was sich im Roman auch niederschlägt, sie thematisiert verstärkt das unterschiedliche Verhalten der Geschlechter in denselben Situationen, ohne jedoch nunmehr sich feministischen Bewegungen anzuschließen. Sicher ist ihr Werk auch politisch, weil es einen engen Bezug zu den gesellschaftlichen Konflikten unserer Zeit hat. Aber eine Künstlerin, die sich bewusst in den Dienst politischer Parteien stellt, war sie, wenn überhaupt, nur wenige Jahre lang. Später pflegte sie dazu eine erhebliche Distanz.