Zu den Institutionen, die besonders intensiv am Raub fremder Vermögen beteiligt gewesen waren, Kunstschätze, teure Musikinstrumente, Gold und wertvolle Sammlungen in ihren Tresoren einlagerten, gehörten die Reichsbank und die von ihr betriebenen Reichskreditkassen. So lesen wir zum Beispiel, was die Devisenschutzkommandos, bestehend aus Angehörigen der deutschen Finanzverwaltung, in den Wochen nach der Besetzung Frankreichs aus den Banktresoren von "Reichsfeinden" raubten und an die Reichskreditkasse Paris ablieferten: eine knappe Tonne Gold, 389.000 Schweizer Franken, 850.000 Dollar und 800.000 Wertpapiere. Liest man eine Liste des Devisenschutzkommandos Bordeaux vom 30. Juni 1940, dann gehörten hauptsächlich jüdische Eigentümer zu den Opfern. Sie hießen Lichtenstern, Leibowitz, Gutwerth, Leibl, Beck oder erhielten einfach die Bezeichnung "Unbekannt" verpasst. Nach der "Erfolgsübersicht" des Devisenschutzkommandos Frankreich, die bis zum 30. April 1941 reicht, belief sich die Beute bis zu dem Zeitpunkt schon auf ein Vielfaches. Mittlerweile waren 2,4 Tonnen Gold "gesichert und beschlagnahmt" worden, zudem große Mengen an gemünztem Gold und Diamanten.

Einschlägige Reichsbankakten wurden noch in den siebziger Jahren vernichtet

Der Gesamtwert wurde mit 2,85 Milliarden Reichsmark angegeben. Hinzu kamen noch ausländische Effekten von erheblichem Wert. Allein in Belgien, Frankreich und den Niederlanden wurden auf diese Weise insgesamt 53,6 Tonnen Gold mithilfe der Devisenschutzkommandos erbeutet und "von den verschiedenen Reichskreditkassen nach Berlin überführt". Der Kunstraub bildete in der Gesamtbilanz nur einen winzigen Teil. Hauptsächlich zogen die Reichskreditkassen mit ihrem System des systematischen Betrugs Lebensmittel, Dienstleistungen, Rohstoffe und Industrieprodukte aus den besetzten Ländern zugunsten der Deutschen heraus. So ruinierten sie die Währungen der besetzten Länder und verhinderten die inflationäre Entwertung der Reichsmark bis Kriegsende. Wer sich diese Tatsachen vergegenwärtigt, begreift, warum die 1958 gegründete Deutsche Bundesbank nicht die Rechtsnachfolge ihrer Vorgängerin antrat. Allerdings residierte in der Frankfurter Zentrale der Bundesbank noch bis zum Ende der 1970er Jahre Ulrich Benkert, seines Zeichens Reichsbankabwickler. Er berichtete 1978 über sein Tun: "Ich habe im Laufe der Jahre einige Tausend Ordner durch die Bundesbank vernichten lassen, ohne jemals Rechenschaft über den Inhalt zu geben." Von einem zögerlichen Beamten der Landeszentralbank in (West-)Berlin erwartete er im Hinblick auf die dort verwahrten Reichsbankakten eine ebensolche "Gefälligkeit". Benkerts Drängen blieb nicht ungehört. In Frankfurt beseitigte er damals mithilfe der Notenverbrennungsanlage der Deutschen Bundesbank die restlichen Geschäftsakten der Reichsbank. Dabei gingen Hunderttausende Dokumente des Massenraubs in Flammen auf, vermutlich auch die Schriftstücke, die Hildebrand Gurlitts Geldtransaktionen belegten. Benkert verbrannte den letzten großen Schwung Akten, vom Bundesfinanzministerium ausdrücklich ermutigt, zur Zeit von Bundeskanzler Helmut Schmidt und Finanzminister Hans Apel.

Wir Heutigen mögen uns darüber moralisch erheben. Doch lag die Spurenbeseitigung im objektiven Interesse der damals wie heute lebenden Deutschen. Sie könnten, selbst wenn sie es ernstlich wollten, die Raub- und Vernichtungszüge des Zweiten Weltkrieges nicht bezahlen. Ein solcher Versuch würde zum wirtschaftlichen und politischen Ruin des Landes führen.

Die Bildersammlung von Cornelius Gurlitt ist nur ein Fall von millionenfachem Raub – und kein besonders großer. Gäbe man seine Bilder an die Staaten zurück, aus denen sie geraubt wurden, dann würde sich die Frage nach den Provenienzen in deutschen Museen, Bibliotheken, Kunstsammlungen und Privatwohnungen noch einmal neu stellen. Warum nicht? Wir können den Schaden des Weltkriegs unmöglich bezahlen, aber wir können die Kunstwerke und Wertsachen, die auf unredliche Weise von Deutschen nach Deutschland verschleppt wurden, an die Nachfahren derer zurückgeben, denen sie einst gehörten.