DIE ZEIT: Herr Balleis, Sie haben drei Jesuiten auf die Philippinen geschickt, um Nothilfe zu leisten. Bei allem Respekt: Was sollen die drei ausrichten?

Peter Balleis: Die drei Mitarbeiter unseres Flüchtlingsdienstes gehören zum technischen Personal. Sie arbeiten mit den philippinischen Jesuiten und schätzen die Katastrophe ein, damit wir gezielt helfen können.

ZEIT: Warum nutzen Sie nicht die Auskunft des Flüchtlingshilfswerks UNHCR bei den Vereinten Nationen?

Balleis: Weil wir neben der humanitären Nothilfe auch andere Aufgaben haben. Wir sind offizieller Partner des UNHCR, aber keine Essensverteiler, sondern Seelsorger und Tröster. Die großen Organisationen sichern das Überleben, aber wir wollen Menschen Mut machen. Wir stehen an der Seite der Verlierer, unterm Kreuz.

ZEIT: Auch in muslimischen Ländern?

Balleis: Als Christen helfen wir jedem. Nach dem Tsunami in Aceh haben wir Moscheen gebaut und Korane verteilt. Wir wollen die Opfer nicht missionieren, sondern ihnen beistehen. Die Liebe Gottes hilft, zu heilen und weiterzumachen.

ZEIT: Was sagen Sie einem Menschen, der alles verloren hat?

Balleis: Wir sagen erst einmal gar nichts, sondern hören zu. Geben ihm Gemeinschaft. Was geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Aber wir hoffen, dass etwas Neues kommt. Unsere Devise ist: begleiten, dienen, Fürsprecher sein.

ZEIT: Und was bedeutet das konkret?

Balleis: Dass wir traumatisierten Kindern Schulunterricht erteilen. Dass wir als Friedensvermittler agieren.

ZEIT: Sie sind auch in Syrien präsent. Gibt es in diesem Kriegschaos etwas zu vermitteln?

Balleis: Ja. Im Nahen Osten sind wir Christen, wenn wir nicht gerade selber verfolgt werden, ein Puffer zwischen verfeindeten islamischen Gruppen. Sie kennen und vertrauen uns. Die Jesuiten sind ja seit 150 Jahren in Syrien. Während die UN derzeit nur auf der Regimeseite arbeiten dürfen, weil sie sonst aus dem Land fliegen, sind wir weniger eingegrenzt und helfen Menschen auf allen Seiten, ob in Homs, Damaskus oder Aleppo.

ZEIT: Was tun Sie dort?

Balleis: Ein halbes Dutzend syrische Jesuiten organisieren Lebensmittelverteilung, Winterhilfe und informellen Schulunterricht für 10.000 Kinder. In Syrien haben wir gemischte Teams aus Muslimen und Christen.

ZEIT: Papst Franziskus, ein Jesuit wie Sie, hat 500.000 Euro für Taifunopfer gegeben.

Balleis: Auch Papst Benedikt hat im letzten Jahr in der Syrienkrise eine Million Euro für Nahost gespendet.

ZEIT: Der Jesuitenflüchtlingsdienst hat seit dem letzten Jahr seine Gesamteinnahmen von 30 auf 50 Millionen Euro fast verdoppelt. Was tun Sie mit dem Geld?

Balleis: Noch besser Barmherzigkeit üben. Ich will weder den Jesuitenorden finanzieren noch dem Wachstumsdenken verfallen. Wir haben schon genug humanitäre Industrie, die Katastrophen braucht, um ihren Laden am Laufen zu halten. Deshalb ist für mich als Direktor einer weltweiten christlichen Organisation wichtig, dass ich das Armutsgelübde der Jesuiten einhalte, also vom Orden zwar verpflegt und beherbergt werde, aber nur ein Taschengeld von 60 Euro im Monat habe. Wir wollen ein Beispiel geben.

ZEIT: Sie reisen ständig in Länder wie Afghanistan, Kongo, Libyen, Syrien ... Welcher Moment hat Sie als Seelsorger geprägt?

Balleis: Als ich in einem Flüchtlingslager in Ruanda kurz nach dem Genozid die Messe las. Danach kamen viele Männer zur Beichte, deren Sprache ich nicht verstand, aber ich wusste, es sind wohl auch Mörder darunter. Trotzdem habe ich ihnen die Vergebung Gottes gespendet, weil Gott allein der Richter ist. Und ich habe gehofft, dass sie bereuen.

ZEIT: Der Jesuitenflüchtlingsdienst ist nach dem Genozid fast zwanzig Jahre lang in Ruanda geblieben. Warum?

Balleis: Wir sind meist nicht die Ersten, die den Überlebenden einer Katastrophe zu Hilfe eilen, aber oft die Letzten, die gehen. Das ist unser Auftrag: bei den Opfern bleiben.