An diesem Dienstagmorgen sitzt Brigitte Böhnhardt auf dem Zeugenstuhl im Saal 101 des Münchner Oberlandesgerichts und verteidigt ihren Sohn. Es ist der 57. Verhandlungstag im NSU-Prozess und das erste Mal, dass die Mutter eines der mutmaßlichen Täter aussagt. Brigitte Böhnhardt ist die einzige Mutter, die Kontakt zu dem untergetauchten NSU-Trio hatte.

Für sie ist ihr Sohn, Uwe Böhnhardt, ein Opfer. Jedenfalls mehr Opfer als Täter.

Ihre silbergrauen Haare sind frisiert, sie trägt eine schwarze Hose und einen pinkfarbenen Pullover. Sie wirkt ruhig und konzentriert. Als sie den Saal betritt, dreht sie nur einmal kurz ihren Kopf nach links, dahin, wo die fünf Angeklagten sitzen. Zu Beate Zschäpe, die einmal die Freundin ihres Sohnes war. Ob sich ihre Blicke treffen, ist von der Zuschauertribüne aus nicht zu erkennen.

Die pensionierte Lehrerin spricht mit hoher, dünner Stimme. Sie spricht über Uwe Böhnhardts Jugend- und Schulzeit in der DDR. "Uwe war unser dritter Sohn, ein aufgewecktes Kerlchen, ein Nachzügler. Unser Nesthäkchen. Vielleicht haben wir ihn manchmal zu sehr verwöhnt", sagt sie. Die Familie wohnte in einer Plattenbausiedlung in Jenaer Stadtteil Lobeda, war gut situiert.

In der fünften Klasse bekam Uwe Probleme. Sein älterer Bruder starb 1988 bei einem Unfall, Uwe habe schwer darunter gelitten, er sei in der Schule nicht mehr mitgekommen. Brigitte Böhnhardt zeichnet das Bild eines Kindes, das durch die Wende und die folgende Schulreform zum Verlierer wird. "Da wurde in gute und weniger gute Schüler getrennt", sagt sie. Es klingt bitter. Uwe bleibt zwei Mal sitzen, ist plötzlich der Größte in der Klasse, habe nur noch mit Älteren abgehangen. "Die Lehrer haben sich nie interessiert. Die Klassenlehrerin kannte ich nicht einmal."

Die Eltern sehen keine andere Möglichkeit, als ihn in ein Heim zu geben. Ihr Sohn sei einverstanden gewesen, sagt Brigitte Böhnhardt. Doch nach zwei Monaten fliegt er dort raus. Wird gewalttätig, stiehlt, knackt Autos. 1993 kommt er ins Gefängnis, vier Monate. "Er hatte es verdient", sagt seine Mutter, "aber musste es gleich so eine Erwachsenenstrafe sein?"

Sie hilft ihm, eine Lehrstelle als Maurer zu finden, das ist 1994, die Eltern kaufen ihm ein Auto, plötzlich läuft es wieder gut. Dann wird er arbeitslos wie seine Freunde Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und der Mitangeklagte Ralf Wohlleben. Seine Strafakte wird immer dicker, doch seine Mutter bleibt bei ihm, begleitet ihn zu Gerichtsverhandlungen und zum Arbeitsamt.

Sie habe geglaubt, dass er es schaffen werde, sagt sie. Natürlich, wer könnte ihr diese Hoffnung verübeln? Wann ist der Punkt erreicht, an dem eine Mutter ihr Kind aufgibt? Kommt der jemals? Als Zuhörer empfindet man fast so etwas wie Mitleid mit der leisen Frau.

Uwe rutscht immer tiefer in die Thüringer Neonaziszene, vertreibt CDs mit rechtsextremer Musik. Die Mutter versucht, seine Gesinnung aus ihrer Wohnung auszusperren: Die CDs, die habe er zu Hause nicht hören dürfen, und seine Springerstiefel musste er ausziehen.

1996 hängt Uwe Böhnhardt eine menschengroße Puppe mit einem Davidstern und der Aufschrift "Vorsicht Bombe" an einer Autobahnbrücke auf. Diesen Vorfall erwähnt seine Mutter vor Gericht mit keinem Wort.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl fragt, ob es daheim Diskussionen wegen Uwes Gesinnung gegeben habe. Ja, sagt sie, er habe schon bestimmte Dinge gesagt: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg! Die Juden sind an allem schuld!" Sie habe ihn aufgefordert, ihr einen einzigen Juden zu nennen, den er kenne. "Er plapperte einfach nach, was ihm irgendwelche Hohlköpfe vorsagten."

Auch als er offen als Neonazi auftrat, hat seine Mutter ihn nie fallen lassen. "Du gehörst zu uns", habe sie ihm zeigen wollen. Hätte sie sich irgendwann eingestehen müssen, dass sie nichts mehr für ihren Sohn tun konnte? Dass er vielleicht zu schwach oder hasserfüllt war, um den Weg zurück in ein normales Leben zu finden? Vielleicht ist es unmöglich, diese Fragen zu beantworten.

Brigitte Böhnhardt muss mit vielen furchtbaren Dingen leben, zu vielen. Sie muss damit leben, dass zwei Söhne tot sind. Sie muss damit leben, dass einer der beiden ein Neonazi war und mutmaßlich beteiligt an zehn Morden. Sie muss damit leben, dass sie ihn nicht angezeigt hat, als sie die Möglichkeit dazu hatte: Sie traf ihren Sohn mehrere Male, als der bereits untergetaucht war – heute weiß sie, dass damals die ersten Morde schon verübt worden waren. Ja, sie habe die drei gedrängt, sich zu stellen. Aber selbst zur Polizei gehen? Nein, das habe sie nicht gekonnt.