DIE ZEIT: Herr Steinbrück, Sie haben gekämpft und verloren. Wenn Sie auf das Jahr zurückblicken: Hat es sich gelohnt?

Peer Steinbrück: Darüber werde ich noch nachdenken müssen. Die spontane Antwort ist: Ja, weil es eine einmalige Erfahrung ist, eine Erfahrung, die nur ganz wenige Menschen in ihrem Leben machen. Diese Einmaligkeit bleibt als Qualität für sich stehen.

ZEIT: Zu Beginn Ihres Wahlkampfs haben Sie vor Mitarbeitern Grass zitiert: "Wenn du fertig bist, wenn man dich fix und fertig gemacht hat, flach geklopft, entsaftet und zerfasert, wenn du für immer aufgegeben hast, dann (...) stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen." Was wollten Sie damit sagen?

Steinbrück: Das ist eine Passage, die ich mir für mein Leben zu eigen gemacht habe. Es sind grandiose Zeilen, die nicht nur trösten, sondern auch motivieren, schlicht und einfach nicht aufzugeben, im aufrechten Gang zu bleiben.

ZEIT: Heute kommen einem die Sätze prophetisch vor. Fühlen Sie sich zerfasert, fertiggemacht?

Steinbrück: Ich habe in diesem Wahlkampf Erfahrungen gemacht, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe, positive und negative. Der Respekt im Umgang zwischen Politik und Medien beschäftigt mich sehr.

ZEIT: Sie haben Respekt vermisst?

Steinbrück: Respekt ist ein altmodischer, aber sehr guter Begriff. Doch das Gespräch soll keine falsche Wendung nehmen. Ich möchte dieses Thema ohne Bezug auf mich debattieren und die Frage, ob ich die beleidigte Leberwurst bin. Das bin ich ganz und gar nicht. Ich kann bloß diese Frage langsam nicht mehr hören: "Wie fühlen Sie sich?" Da möchte man antworten: Was geht Sie das an?"

ZEIT: Das haben wir doch gar nicht gefragt.

Steinbrück: Nein. Ich will nur sagen: Ich habe es mir abgewöhnt, in jede Hose reinzuspringen, die mir hingehalten wird.

ZEIT: Wir hatten den Eindruck, dass Sie insgesamt nicht schlecht behandelt wurden. Es gab Ausrutscher, aber es gab dann auch eine Debatte, ob zu viel über Nebensächlichkeiten gesprochen wird.

Steinbrück: Das sehe ich völlig anders.

ZEIT: Deshalb fragen wir: Woran machen Sie das fest?

Steinbrück: An mehreren Erlebnissen mit dem Höhepunkt, dass zwei Zeitungen mich drei Wochen vor der Wahl in die Nähe der Stasi und des KGB ziehen wollten. Das werde ich nicht so schnell vergessen. Mein lieber Scholli! Oder ein Journalist, der sich anmaßt, über meinen Charakter urteilen zu können.

ZEIT: Kanzler ist das höchste Regierungsamt. Hat es nicht auch etwas Richtiges, dass man einen, der da hineinwill, auf Rüttelfestigkeit überprüft?

Steinbrück: Klar. Der alte Spruch ist richtig: Wer keine Hitze verträgt, darf nicht in die Küche gehen. Aber das entlastet uns nicht davon, darüber zu reden, wo Grenzen überschritten werden. Ich sage das nicht für mich. Ich frage vielmehr: Was heißt das für die Bewerbung und Auslese in unserer Demokratie, wenn Frauen und Männer nicht mehr in die Politik gehen wollen, weil sie das sich und ihren Familien nicht zumuten mögen? Mit der Frage müssen sich die Medien beschäftigen.