DIE ZEIT: Herr Kempen, würden Sie Politikern raten, ihren Doktortitel nicht mehr öffentlich zu tragen?

Bernhard Kempen: Nein, warum? Wer sich den Titel durch jahrelange, oft entbehrungsreiche Arbeit redlich verdient hat, darf stolz sein auf diese Leistung – und das auch zeigen. Stellen Sie sich vor, jemand würde plötzlich seinen Titel nicht mehr führen, dann könnte man auch auf die Idee kommen, da stimmt was nicht.

ZEIT: Aber macht man sich als Politiker nicht angreifbar, wenn man offensiv mit Titel auftritt?

Kempen: Wenn ein Politiker meint, er müsse seine akademischen Grade auf Wahlplakaten vorführen, ist das seine Sache. Aber dann muss er sich auch damit auseinandersetzen, dass seine Biografie genau durchleuchtet wird. Auch von denjenigen, die sich einen Sport oder ein Geschäft daraus machen, Plagiate in Dissertationen aufzudecken.

ZEIT: Zuletzt hat es zwei Politiker getroffen, Frank-Walter Steinmeier und Norbert Lammert, die beide zu Unrecht als Schummler verdächtigt wurden. Wie geht man als öffentliche Person mit einem solchen Reputationsschaden um?

Kempen: Es droht natürlich immer etwas hängenzubleiben, aber Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen es bis zu einem gewissen Grad aushalten, manchmal auch ungerechtfertigt angegriffen zu werden.

ZEIT: Sollten sie sich nicht wehren?

Kempen: Doch, aber es ist wichtig, ruhig und gelassen zu bleiben, am besten einfach abwarten. Insofern haben Frank-Walter Steinmeier und Norbert Lammert es genau richtig gemacht: Sie haben den Vorwurf des Plagiats zurückgewiesen und sich dann nur noch hochschulintern im Verfahren geäußert. Gut ist es auch, sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe die zuständige Universität zu bitten, die Vorwürfe zu prüfen. Man sieht ja jetzt bei Steinmeier und Lammert, dass nicht jedes Mal, wenn jemand laut "Plagiat" schreit, gleich der Titel entzogen wird.

ZEIT: Manche Betroffene fühlen sich ungerecht behandelt und machen, wie die FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin oder Jorgo Chatzimarkakis, ihrem Ärger laut Luft.

Kempen: Man sollte nicht versuchen, das Verfahren über die Öffentlichkeit zu beeinflussen – das geht nach hinten los. Jede Woche ein Interview dazu zu geben ist nicht hilfreich.

ZEIT: Sie meinen, wer sich öffentlich beschwert, fällt in der Wissenschaft erst recht in Ungnade?

Kempen: Nein, aber die Unis nehmen die Vorwürfe schon sehr ernst, denn der Plagiatsvorwurf trifft sie ja in gleicher Weise. Man sollte Vertrauen in die Fakultäten haben und abwarten, zu welchem Urteil sie kommen, auch wenn die Prüfung manchmal länger dauert. Letztlich ist es die Universität, die entscheidet.

ZEIT: Wie sollten die Hochschulen überhaupt auf anonyme Hinweise reagieren? Ignorieren?

Kempen: Nein, auf keinen Fall, das wäre juristisch nicht tragbar. Eine Hochschule muss immer reagieren, wenn es Hinweise auf mögliche Plagiate gibt. Das heißt aber nicht, dass jede Uni jedes Mal den ganzen Apparat anschmeißen muss, wenn ein anonymer Blogger den Arm hebt und darauf hinweist, dass nicht korrekt zitiert worden ist, und das womöglich ohne konkrete Belege. Einfach nur jemanden anonym zu denunzieren – das geht gar nicht, das finde ich entsetzlich.