Hut der Hoffnung

Der Berufseinstieg

Promotion, das Wort stammt aus dem Lateinischen: promotio, die Beförderung. Doktoranden erwarten, dass sie der Doktortitel nach oben befördert, sie in der Berufswelt weiterbringt – und werden dann oft nur auf den Boden der Tatsachen befördert. Überqualifiziert, argumentieren viele Personalchefs, und so sehen das die Betroffenen manchmal auch selbst. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Gerade Geistes- und Sozialwissenschaftler sind häufig nicht über-, sondern fehlqualifiziert. Zwar erringen sie durch die Promotion zahlreiche Fähigkeiten, die sie dann im Beruf aber gar nicht brauchen.

Anders bei Chemikern oder Biologen: Bei ihnen ist der Titel fast schon ein Muss. Sinnvoll ist er auch in Fächern mit einer engen Anbindung an die Wirtschaft und wenn in einem Unternehmen promoviert wird. Schreibt ein Maschinenbauer seine Dissertation bei einem Automobilhersteller und bewirbt sich im Anschluss dort auf eine Stelle, wissen Chefs und Kollegen, was er gelernt hat und was er kann – nämlich genau das, was die Stelle verlangt. Dieser Heimvorteil fehlt dem Germanisten oder Philosophen, der in Archiven und am eigenen Schreibtisch arbeitet. Dennoch meint Anjana Buckow, Programmdirektorin für Nachwuchsförderung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): "Auch in Bereichen, in denen Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten, wird der Doktortitel als Zeichen dafür geschätzt, dass sich jemand vertieft mit einem Thema auseinandergesetzt und erfolgreich eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt hat."

Nur: Was ist diese Wertschätzung wert? Sieht ein Personalchef den Doktortitel im Lebenslauf, registriert er ihn vielleicht positiv. Geht es dann aber um die Frage, wer die Stelle bekommt, hat der Titel kaum noch Gewicht. Was nutzt es dem Unternehmen, wenn der Bewerber sich mit einem Thema auseinandergesetzt hat, das nichts mit der Tätigkeit zu tun hat, mit der er sich künftig beschäftigen soll? "Der Personaler denkt: Der ist älter, der ist teurer, und von seinem speziellen Fachwissen habe ich nichts", erklärt Matthias Neis, bei der Gewerkschaft ver.di verantwortlich für den Fachbereich Bildung, Wissen und Forschung. Ob vor oder während der Promotion: Berufserfahrung ist unerlässlich, um nicht dazustehen als weltfremder Forscher aus dem Elfenbeinturm.

Das Gehalt

Je höher der akademische Grad, desto höher auch das Gehalt? Mit dieser Gleichung rechnen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und die Zahlen sprechen für den Doktor. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung verdient ein Promovierter im Durchschnitt 800 Euro mehr als seine Kollegen, die nur einen Master oder ein Diplom haben. Insbesondere Ingenieure in der Privatwirtschaft profitieren von der Promotion, der Dr.-Ing. verdient ein Drittel mehr als der Dipl.-Ing., so das Bayerische Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung. Zehn Prozent höher ist das Gehalt bei den Wirtschafts- und Geisteswissenschaftlern, in der Naturwissenschaft sind es rund acht Prozent mehr. Allerdings: Entlohnt werden vor allem Fachkenntnisse. Wer über arabische Lyrik im 6. Jahrhundert promoviert hat und sich dann als PR-Berater eines Softwareherstellers bewirbt, sollte ehrlich überlegen, welchen Profit er für sein Wissen erwarten kann. Kein Arbeitgeber gibt Geld aus für etwas, was er weder braucht noch verlangt hat. Bezahlt wird für das, was benötigt wird.

Trotzdem ist es in vielen Unternehmen üblich, dass Promovierte mehr verdienen als diejenigen ohne Doktortitel. Doch weil das so ist, kann der Titel für einen Bewerber auch schon mal ein Nachteil sein: Denn bringt einer dieselbe Berufserfahrung mit wie ein anderer, will oder muss aber ein höheres Gehalt bekommen, fällt die Entscheidung durchaus auch schon mal gegen den Doktor. Darum, berichtet Neis, kommt es immer wieder zu der absurden Situation, dass Promovierte den Titel verschweigen. "Natürlich ist das ein Irrsinn. Doch die Angst, sofort als zu teuer aussortiert zu werden, ist bei vielen präsent, teils auch zu Recht."

Die Chancen

Die Arbeitslosenquote von Akademikern ist laut Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mit 2,4 Prozent zwar extrem niedrig, und von Promovierten mit einem Prozent sogar noch geringer. Gerade Geisteswissenschaftler fallen jedoch häufig durchs Raster, da unbezahlte Praktika, schlecht bezahlte Volontariate oder Minijobs sie nur scheinbar vor der Arbeitslosigkeit retten. Darum sehen viele die Promotion als Mittel, die frustrierende Jobsuche hinauszuzögern. Doch mit Titel und ein paar Jahre älter ist die Chance auf einen gut bezahlten Job noch geringer. Ein Teufelskreis.

Vor sechs Jahren begann Timo K. mit seiner Dissertation zum historischen Wandel des Städtebaus. Seit fünf Jahren arbeitet er bei einem Logistikunternehmen. Dort bewarb er sich, um seine Promotion zu finanzieren. Eigentlich wollte er Kisten schleppen, stattdessen bot man ihm einen Vertrag als Werkstudent an. Aus dem Nebenjob wurde eine feste Stelle, inzwischen ist der 33-Jährige Operations Manager – und seine Doktorarbeit liegt ad acta. Hätte K. damals Kisten geschleppt, wäre er heute promovierter Historiker. Und vielleicht arbeitslos. Seinen Karriereweg bereut er nicht. "Ich sehe das ja bei Kommilitonen", sagt er. "Die haben alle längst den Titel, aber immer noch keinen Job."

Als Doktor wäre Timo K. in seiner Position ein Exot. "Promovierte haben bei uns schlechte Chancen", meint er. Wer wenig Erfahrung hat, bewirbt sich als Trainee; dafür werden Promovierte aber gar nicht erst berücksichtigt. Wer Erfahrung hat und den Doktor obendrein, ist im mittleren Management meist zu teuer und weckt den Verdacht: Die Stelle ist nur als Notlösung gedacht. "Promovierte steigen direkt ins höhere Management ein", sagt K. Fakten prüfen, methodisch planen, strategisch leiten: Hier sind dieselben Fähigkeiten gefragt wie in der Wissenschaft. Weniger Praxis, mehr Theorie.

Arbeitsalltag, Prestige und Selbstzweck

Der Arbeitsalltag

Geistes- und Sozialwissenschaftler verbringen oft mit großer Leidenschaft viele Wochen oder Monate in Archiven. So mancher von ihnen, der aus den Archiven auftaucht und in die Arbeitswelt wechselt, ist dann enttäuscht. Verwöhnt durch die jahrelange Beschäftigung mit dem Lieblingsthema, fühlen sie sich geistig beschränkt durch die vermeintliche Anspruchslosigkeit und Routine eines normalen Berufsalltags. Mit Recht?

Das Problem ist meist nicht die Aufgabe selbst, sondern die Erwartungshaltung. Vielleicht ist der Job nicht so schillernd wie in der Stellenanzeige versprochen. Vielleicht hat das Tagesgeschäft rein gar keinen fachlichen Bezug zum Studium. Das heißt aber nicht, dass der Job nicht herausfordernd, erfüllend und sinnvoll sein kann. Denn der "tägliche Kram", das wusste schon Erich Kästner, ist nun mal wichtiger als das Meisterwerk.

Das Prestige

Summa sine laude: Der Chemiekonzern BASF will künftig auf Titelbezeichnungen verzichten, der Bundesgerichtshof streicht akademische Grade aus dem Personenstandsregister. Der Doktortitel soll nicht mehr glänzen, sondern verschwinden. Gesucht werden Elektriker, Mechatroniker, Klempner, davon gibt es zu wenige. Doctores gibt es genug. Auch durch diverse Plagiatsaffären hat das Image der Promotion gelitten, vor allem der berufsbegleitenden. Dass es herausfordernd ist, sich neben dem Vollzeitjob auf eine Doktorarbeit zu konzentrieren, steht außer Frage. Dass viele daran scheitern, auch.

Laut Absolventenstudien der TU Dresden sind neun Jahre nach Studienende lediglich ein Drittel aller Promotionsvorhaben abgeschlossen. Bundesweite Zahlen gibt es nicht, weil Doktorarbeiten nicht zentral erfasst werden oder erst dann, wenn sie fertig sind. Als Grund für die Nichtvollendung sehen 72 Prozent der Befragten die Arbeitsbelastung durch den Job, hat das Institut für Hochschulforschung (HIS) herausgefunden.

Das Risiko einer Schmalspur-Promotion steigt, je relevanter der Titel für die Karriere wird. Für hohe Positionen in der Wirtschaft, aber auch für Einsteiger in Unternehmensberatungen und Anwaltskanzleien, gilt die Promotion oft als Voraussetzung, sie ist nur Mittel zum Zweck. Als Statussymbol wird der Doktor gerne benutzt, um beim Kunden Kompetenz auszustrahlen und sich diese dann auch bezahlen zu lassen.

Daraus lässt sich aber schließen: Etwas Glanz scheint er doch noch auszustrahlen, der Titel.

Der Selbstzweck

Lohnt sich die Promotion denn nun? Die ehrlichste Antwort: manchmal. Was hilft bei der Entscheidung? Gründlich überlegen, ob man promovieren will. Gründlich überlegen, warum man promovieren will. Und promovieren, ohne viel zu erwarten. Denn den Selbstzweck der Promotion gibt es ja auch noch, jenseits der Fragen von Einstieg und Aufstieg, Kontostand und Ansehen.

"Über das Fachwissen hinaus fördert eine Doktorarbeit viele andere Fähigkeiten, insbesondere Durchhaltevermögen und geistige Beweglichkeit", sagt Matthias Neis von ver.di. Vielleicht nutzt das später auch im Job. Vor allem aber macht es sich für den Moment bezahlt – nämlich dann, wenn man Spaß an der Arbeit hat, daran, ein paar Jahre lang das zu machen, was man wirklich will.