Der Arbeitsalltag

Geistes- und Sozialwissenschaftler verbringen oft mit großer Leidenschaft viele Wochen oder Monate in Archiven. So mancher von ihnen, der aus den Archiven auftaucht und in die Arbeitswelt wechselt, ist dann enttäuscht. Verwöhnt durch die jahrelange Beschäftigung mit dem Lieblingsthema, fühlen sie sich geistig beschränkt durch die vermeintliche Anspruchslosigkeit und Routine eines normalen Berufsalltags. Mit Recht?

Das Problem ist meist nicht die Aufgabe selbst, sondern die Erwartungshaltung. Vielleicht ist der Job nicht so schillernd wie in der Stellenanzeige versprochen. Vielleicht hat das Tagesgeschäft rein gar keinen fachlichen Bezug zum Studium. Das heißt aber nicht, dass der Job nicht herausfordernd, erfüllend und sinnvoll sein kann. Denn der "tägliche Kram", das wusste schon Erich Kästner, ist nun mal wichtiger als das Meisterwerk.

Das Prestige

Summa sine laude: Der Chemiekonzern BASF will künftig auf Titelbezeichnungen verzichten, der Bundesgerichtshof streicht akademische Grade aus dem Personenstandsregister. Der Doktortitel soll nicht mehr glänzen, sondern verschwinden. Gesucht werden Elektriker, Mechatroniker, Klempner, davon gibt es zu wenige. Doctores gibt es genug. Auch durch diverse Plagiatsaffären hat das Image der Promotion gelitten, vor allem der berufsbegleitenden. Dass es herausfordernd ist, sich neben dem Vollzeitjob auf eine Doktorarbeit zu konzentrieren, steht außer Frage. Dass viele daran scheitern, auch.

Laut Absolventenstudien der TU Dresden sind neun Jahre nach Studienende lediglich ein Drittel aller Promotionsvorhaben abgeschlossen. Bundesweite Zahlen gibt es nicht, weil Doktorarbeiten nicht zentral erfasst werden oder erst dann, wenn sie fertig sind. Als Grund für die Nichtvollendung sehen 72 Prozent der Befragten die Arbeitsbelastung durch den Job, hat das Institut für Hochschulforschung (HIS) herausgefunden.

Das Risiko einer Schmalspur-Promotion steigt, je relevanter der Titel für die Karriere wird. Für hohe Positionen in der Wirtschaft, aber auch für Einsteiger in Unternehmensberatungen und Anwaltskanzleien, gilt die Promotion oft als Voraussetzung, sie ist nur Mittel zum Zweck. Als Statussymbol wird der Doktor gerne benutzt, um beim Kunden Kompetenz auszustrahlen und sich diese dann auch bezahlen zu lassen.

Daraus lässt sich aber schließen: Etwas Glanz scheint er doch noch auszustrahlen, der Titel.

Der Selbstzweck

Lohnt sich die Promotion denn nun? Die ehrlichste Antwort: manchmal. Was hilft bei der Entscheidung? Gründlich überlegen, ob man promovieren will. Gründlich überlegen, warum man promovieren will. Und promovieren, ohne viel zu erwarten. Denn den Selbstzweck der Promotion gibt es ja auch noch, jenseits der Fragen von Einstieg und Aufstieg, Kontostand und Ansehen.

"Über das Fachwissen hinaus fördert eine Doktorarbeit viele andere Fähigkeiten, insbesondere Durchhaltevermögen und geistige Beweglichkeit", sagt Matthias Neis von ver.di. Vielleicht nutzt das später auch im Job. Vor allem aber macht es sich für den Moment bezahlt – nämlich dann, wenn man Spaß an der Arbeit hat, daran, ein paar Jahre lang das zu machen, was man wirklich will.