Tanjas Blick fällt in den großen Spiegel, der in der abgedunkelten Zweizimmerwohnung steht. Sie sieht darin eine Frau Anfang fünfzig, mit rundem Körper und gewaltigem Busen, den eine paillettenverzierte Bluse bedeckt. Bei näherer Betrachtung erkennt sie auch das Gesicht der Frau, die Wendungen des Lebens haben ihr kleine Linien um Augen und Mund gezogen. Tanja mag, was sie da sieht. Sie mag sich selbst. Auch wenn Frauen wie sie den Nachbarn nicht gefallen mögen und einige Politiker und Feministinnen Front machen gegen sie. Tanja ist seit acht Jahren Hure.

"Hure" – so nennt sie sich selbst. Sie hat in Bordellen gearbeitet, in FKK-Clubs und Wohnungen wie der, in der sie nun steht. Sie ist zu haben für Männer, die telefonisch eine Prostituierte buchen wollen: eine Stunde Tanja für 130 Euro.

Die Hure Tanja gehört einer Welt an, für die es keine verlässlichen Statistiken gibt und die vielen Deutschen unbekannt ist. Das öffentliche Bild von Prostitution setzt sich zusammen aus Informationssplittern aus Filmen und Zeitungen. Mädchen in Lack-Miniröcken und High Heels; Frauenstimmen, rau und dunkel von Alkohol und Zigaretten; schnippische Anmache im Rotlichtviertel; misshandelte Mädchenkörper. Mit diesen Bildern im Kopf diskutiert Deutschland die Frage, was eine typische Prostituierte ausmacht – und welche politischen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen seien. Tanja ist keine zwanzig mehr, und sie ist Deutsche, das unterscheidet sie von vielen ihrer Kolleginnen. Und doch illustriert ihre Geschichte die Arbeitswelt von Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit Sex verdienen: Antrieb und Schamgefühle, Selbstbestimmung und Geld.

Feministin Alice Schwarzer behauptet, Armuts- und Zwangsprostitution machten 90 Prozent des Gewerbes aus, alle Huren seien Opfer. Sie fordert die Abschaffung dieses Berufs. Tatsächlich steht aber nicht einmal zweifelsfrei fest, wie viele Frauen ihn überhaupt ausüben – die Schätzungen reichen von 150.000 bis zu 700.000, geschweige denn wie freiwillig die Frauen bei der Sache sind.

"Frau Schwarzer sitzt in ihrem Elfenbeinturm und hat dort oben jeden Realitätssinn verloren", sagt Tanja. "Wer meinen Beruf abschaffen will, zwingt mich, unter schlechteren Bedingungen weiterzuarbeiten." Sie bestreitet nicht, dass es Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland gibt, "was diesen Frauen geschieht, ist unvorstellbar und schlimm. Und es ist verboten." Doch nach allem, was sie selbst in den vergangenen acht Jahren gesehen und erlebt hat, hält sie eher ihre eigene Art der Berufsausübung für die Regel: "An manchen Tagen ist es angenehm, an anderen nervt es. Es ist wie in anderen Jobs auch." Tanja arbeitet meistens in der ostbayerischen Provinz, manchmal reist sie aber auch in deutsche Großstädte. Sex wird in der ganzen Republik gekauft. Für sie selbst und die Männer, die zu ihr kommen, ist es ein Stück Normalität.

Tanja hat sich an den Wohnzimmertisch gesetzt, dessen Tischdecke exakt im gleichen Bordeauxrot gehalten ist wie die Kerzen. Selbst Tanjas Haare sind bordeauxrot. Sie besitzt zwei Smartphones, ein weißes und ein schwarzes, beides Diensthandys. Das eine lässt sie unter dem rechten Träger des Büstenhalters verschwinden, das andere unter dem linken. "Mein Büro", sagt sie und streckt die üppige Brust noch ein bisschen mehr heraus. Die wippt, wenn Tanja lacht.

Das schwarze Handy klingelt. "Kannst du nächste Woche?", fragt der Anrufer, man duzt sich. Tanja findet ihren Kalender nicht gleich. 40 Termine nimmt sie im Monat durchschnittlich an, etwa 25 verschiedene Männer kaufen sich eine Stunde mit Tanja, manche kommen zweimal. Die meisten sind Stammkunden, viele verheiratet, und bei fast allen Terminen kommt es zum Geschlechtsverkehr. "Aber vorher kuscheln wir auch oft, und wir reden viel", sagt Tanja. Sie nennt das, was sie anbietet, "Girlfriend-Sex" – Sex wie mit einer festen Freundin. Die Anzeigen, die sie schaltet, spiegeln das wider, deshalb kommen zu Tanja auch viele ganz normale Männer.

Früher dachte Tanja: "Die armen Frauen, die als Huren arbeiten"

Sie verbringt viel Zeit am Telefon, außerdem muss sie die Wohnung und sich selbst herrichten. Ihre Arbeitswoche ist trotzdem kürzer als die der meisten Selbstständigen, und sie verdient dabei deutlich mehr: oft an die 5.000 Euro im Monat. Auch abzüglich Miete, Fahrtkosten und Steuern bleibt ihr noch eine hübsche Summe. "In vielerlei Hinsicht ist es der ideale Job für mich als alleinerziehende Mutter", sagt Tanja, sie hat genug Zeit für Elternabende und Schulaufführungen. Sie zeigt die Bilder ihrer Söhne, wie sie sich balgen. Auf anderen Fotos ist die ganze Familie zu sehen, beim Ausflug ins Disneyland Paris.

Tanja kommt an bei den Männern, trotz ihres Alters

Auch Tanja war die Welt, die heute ihr Alltag ist, früher fremd. "Früher dachte ich: die armen Frauen, die als Huren arbeiten." Tanjas erstes Leben verlief wie das Tausender anderer Frauen auch. Einzelkind, Ausbildung zur Tanzlehrerin. Mit 22 heiratet sie, bekommt vier Kinder, das Paar kauft ein Haus auf dem Land. Der Mann arbeitet oder ist im Sportverein, samstags wäscht er das Auto. Tanja ist für Haushalt und Kinder da, sie jobbt ein paar Stunden pro Woche, der Ehemann verdient ja genug. Irgendwann wird sie ihm langweilig. Sie fühlt das und kommt sich hässlich vor. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt eine brave, unsichere Frau mit blauem Stehkragen und leerem Blick. Da ist sie Ende dreißig und sieht älter aus als heute. Eines Morgens schaut Tanja in den Spiegel und sieht eine Frau, die sie nicht sein möchte. Sie fasst den Entschluss, auszuziehen, mit den Kindern.

Tanja lässt sich scheiden, nimmt einen Job als Kurierfahrerin an, aber das Geld reicht nie bis zum Monatsende. Abends geht sie jetzt manchmal in einen Swingerclub, um dem Singledasein zu entfliehen, so erzählt sie es. Sie genießt die Blicke und die Berührungen; sie hatte ganz vergessen, wie es sich anfühlt, begehrt zu werden. Einmal bittet der Clubbesitzer sie und ihre Freundinnen, sich um ein paar einsam dasitzende Männer zu kümmern und steckt ihnen fünfzig Euro zu. Das war der Anfang.

Irgendwann springt sie für eine Bekannte ein, die sich Masseurin nennt. Tanja massiert einen Kunden und hört auch nicht auf, als der sich auf den Rücken dreht. Anfangs sind ihre Hände eiskalt und zittern, dann sei es langsam besser geworden. Und dann natürlich das Geld! Achtzig Euro für eine halbe Stunde, einfach und schnell. Sie ist 44 damals, eine Späteinsteigerin. "Viele Kunden bringen mir mehr Respekt entgegen als all die Männer, an die ich mich verschenkt habe." Sie sagt: verschenkt.

Tanja kommt an bei den Männern, trotz ihres Alters. In Internetforen werden ihre Dienste bewertet, manche Kunden schildern die intime Begegnung mit ihr in allen Details. Von Kuscheln oder guten Gesprächen ist da nicht die Rede, auch um Tanjas Charakter geht es an keiner Stelle und schon gar nicht um ihr freundliches Lächeln. Was zählt, sind der Körper und das, was sie mit ihm macht. Ist das nicht entwürdigend? "Gewöhnungsbedürftig", sagt Tanja.

Immerhin, nach den ersten "Massagen" war am Monatsende plötzlich Geld übrig. Sie registriert sich bei den Erotikportalen Kaufmich.de, Poppen.de und stellt eine eigene Seite online. "Ich habe meine Grenzen ausgeweitet und auch überschritten. Einmal habe ich mich einschüchtern lassen, danach war ich wütend", sagt sie, ohne in die Einzelheiten zu gehen.

Es klingelt zum zweiten Mal, diesmal an der Haustür, Tanja öffnet das Fenster und blickt auf die Straße. "Hast du Zeit?", fragt eine Männerstimme draußen. Tanja richtet sich auf, plötzlich klingt sie nicht mehr schnurrend und sanft, sondern schneidend: "Hier wird nicht geklingelt! Ruf an, wenn du einen Termin willst." Der Mann murmelt eine Entschuldigung und verschwindet.

"Ich finde: Es ist ein interessanter Beruf"

"Das hier", sagt Tanja, "musste ich auch erst lernen." Sie meint die Regeln des Milieus: Nein sagen, Grenzen ziehen, vor einem Termin, aber auch mittendrin. Einmal habe sie einem Mann die Tür geöffnet, der ihr unter den Rock griff, bevor er sie überhaupt begrüßt habe. Er hörte auch nicht auf, sie zu bedrängen, als sie ihn zurechtwies. Groß war er, einen Meter neunzig mindestens. "In so einem Moment darf man keine Sekunde zögern, sonst spürt der andere die Schwäche", sagt Tanja. Sie habe den zudringlichen Riesen am Arm gepackt und an die Luft gesetzt. Aber wie gesagt: Sie musste es erst lernen.

Viele Kunden sind optisch nicht Tanjas Typ. Aber das sei okay. "Problematisch sind nur Männer, die meine Grenzen nicht respektieren." Eine solche Haltung spürt sie schon am Telefon. Jeden zehnten Anrufer lehnt sie deshalb ab. Aber auch der umgekehrte Fall kommt vor: Zweimal hat sie kein Geld genommen, weil ihr die Männer so gut gefallen haben, dass sie sich hätte verlieben können. Aber Liebe und Geld soll man nicht durcheinanderbringen.

Hure sein heißt ein Doppelleben führen. Die Bekannten ahnen nichts

Als Tanja anfing, sich zu verkaufen, war sie geschieden und vierfache Mutter. Ein lebenserfahrener Mensch also. Die meisten ihrer Kolleginnen sind um die zwanzig und kommen aus dem Ausland, wie viele von ihnen Zuhälter haben, weiß niemand so genau, aber es dürften viele sein. Tanja arbeitet allein. Ob die jungen Mädchen, fern der Heimat, in kritischen Situationen auch so selbstbewusst reagieren können? Ob sie selbst festlegen, welchen Wunsch sie erfüllen und welchen nicht?

Wer etwas über das Leben von Prostituierten in Deutschland erfahren will, sollte mit Astrid Gabb sprechen. Die Sozialarbeiterin berät seit vielen Jahren Sexarbeiterinnen bei Madonna, einer Anlaufstelle in Bochum. Sie kennt Huren vom Typ Tanja. "Es gibt viele Frauen in diesem Alter, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurückfinden und sich deshalb prostituieren." Über die jungen Ausländerinnen sagt sie: "Viele sind gut vernetzt, sie beraten sich gegenseitig. Aber wenn sie kaum Deutsch sprechen, tun sie sich schwer mit dem Verhandeln." Sozialarbeiterin Gabb plädiert deshalb für institutionalisierte Beratungen und Deutschkurse.

Tanja weiß selbst, dass längst nicht alle Frauen die Wahl haben so wie sie; im Bordell, wo Prostituierte in ihren Zimmern hocken und auf Kundschaft warten, gefiel es ihr nicht. Deswegen arbeitet sie jetzt hier in ihrer Dienstwohnung. Und obwohl Tanja sich nicht schämt für ihren Beruf – mehr als ihren Künstlernamen möchte sie nicht veröffentlicht sehen. Hure sein heißt auch ein Doppelleben führen. Viele Bekannte ahnen nichts von der zweiten Welt, in der Tanja sich bewegt, und das soll auch so bleiben. Bei Kolleginnen hat sie miterlebt, wie das Umfeld vor ihnen zurückwich, als herauskam, wovon sie lebten.

Bloß die vier Kinder wissen, womit Mama die Brötchen verdient. Als die jüngste Tochter 18 Jahre alt wurde, fragte sie, ob das, was Mami tue, wohl auch für sie infrage käme? "Warum nicht", entgegnete Tanja und nahm das Mädchen mit in einen FKK-Club. Die Ansammlung all der Nackten war der Tochter dann aber doch zu viel. Sie nahm rasch Abstand von diesem Berufswunsch. "Mich hätte es nicht gestört, wenn meine Tochter Hure geworden wäre", sagt Tanja. "Ich finde: Es ist ein interessanter Beruf."

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