Der Bericht zum Stand der Deutschen Einheit des Bundesinnenministeriums liest sich in aller Regel wie eine Krankenakte. Einmal im Jahr erfährt der Osten darin, was ihm angeblich fehlt – im Vergleich zum Westen.

Für 2013 ist der Bericht gerade veröffentlicht worden, und in dem Dossier finden sich einerseits einige erquickliche Befunde: dass der Osten als Wirtschaftsregion etabliert sei, gar eine kleine "Reindustrialisierung" erlebe. Dass Ostdeutschland, wäre es noch ein eigener Staat, wirtschaftlich an der Spitze Osteuropas stünde. Vor Slowenien oder Polen.

Andererseits sieht man schon an der Wahl solcher Vergleichsländer, dass im Osten eben das, was gut ist, auf niedrigem Niveau stattfindet. Dass Brandenburg oder Sachsen selbst hinter strukturschwachen Westländern wirtschaftlich weit zurückliegen.

Die neuen Länder erwirtschaften im Schnitt ein Pro-Kopf-Steueraufkommen von nur 937 Euro. Die westdeutschen Länder dagegen eines von 1.700 Euro. Noch immer stammt fast jeder zweite Euro, den die Ostländer haben, aus Transfereinnahmen. Indes sprechen Politiker immer vom "Rheinland-Pfalz-Niveau", das der Osten eines Tages erreichen werde. Geradezu ein Mythos ist die Wendung geworden. Warum bloß?

Mit der Hoffnung, wirtschaftlich werde ein Land wie Sachsen zu Rheinland-Pfalz bald aufschließen, hat das jedenfalls nichts zu tun. Man kann Wolfgang Voß (CDU) fragen. Der 63-Jährige war viele Jahre Staatssekretär in Sachsens Finanzministerium, heute ist er Finanzminister in Thüringen. "Die ostdeutschen Länder", sagt Voß, "werden in einem Bereich ganz selbstverständlich etwa das Niveau von Rheinland-Pfalz erreichen. Nämlich bei den Einnahmen." Die neuen Länder, das meint Voß damit, müssen damit leben, künftig pro Einwohner nur noch so viel Geld zur Verfügung zu haben wie ein eher strukturschwaches Westland. Sachsens einstiger Finanzminister und späterer Regierungschef Georg Milbradt (CDU) brachte den Rheinland-Pfalz-Vergleich Ende der 1990er Jahre ins Gespräch.

Man muss wissen, dass die Ostländer heute noch in Größenordnungen mehr Geld zur Verfügung haben als strukturschwache Westländer. Denn sie erhalten nach wie vor Milliarden Euro aus dem Solidarpakt. Diese Ostförderung jedoch läuft aus. 2019 wird die letzte Rate überwiesen. Spätestens 2020 werden Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern pro Einwohner nur noch so viel Geld ausgeben können wie eben Rheinland-Pfalz oder auch Niedersachsen.

In absoluten Zahlen lässt sich das gut am Beispiel Sachsens veranschaulichen. Der Freistaat hat wie Rheinland-Pfalz etwa vier Millionen Einwohner, und beide Länder sind ungefähr gleich groß. Sachsen stehen heute noch drei Milliarden Euro mehr zur Verfügung als Rheinland-Pfalz, rund 16 Milliarden. Beim heutigen Stand der Steuereinnahmen müsste Sachsen im Jahr 2020 mit 13 Milliarden Euro auskommen; so groß ist auch der Pfälzer Landeshaushalt. Selbst das Spar-Musterland Sachsen wird Ausgaben drosseln müssen.

In Thüringens Landeshaushalt des Jahres 2013, sagt Finanzminister Voß, sei heute noch knapp eine Milliarde Euro Solidarpaktmittel enthalten. "Das bedeutet, dass ich bis 2020 noch ungefähr diese Milliarde werde ausgleichen müssen", sagt Voß. Was vor allem heißt: einsparen. Ein Neuntel seines aktuellen Budgets. Auch Thüringen gibt schon jetzt weniger aus, als es einnimmt. Als Voß 2010 ins Amt kam, hat er sofort begonnen, rigoros Ausgaben zu streichen. Der Haushalt für das Jahr 2014 ist schon um 530 Millionen Euro kleiner, als es der vor drei Jahren noch war.

Wo nun sparen? "Ohne Strukturmaßnahmen kommen wir nicht klar", sagt Voß. So sollen beim Freistaat 8.800 von 52.000 Stellen wegfallen. Behörden werden zusammengelegt, Schulen geschlossen. "Wie wir im Osten sparen, das ist harte Arbeit", sagt Voß, "das wird in den alten Ländern gar nicht wahrgenommen. Ich stehe vor 500 Bürgermeistern, muss mich heftiger Kritik erwehren. Das macht keinen Spaß. Aber es muss sein."