DIE ZEIT: Frau Klöckner, muss man sich als westdeutsche Politikerin eigentlich noch für die Belange des Ostens interessieren?

Julia Klöckner: Na, hören Sie mal – vielleicht so sehr wie noch nie. Es ist doch wahnsinnig spannend, zu sehen, wie gut dieser Teil Deutschlands sich entwickelt. Aber wissen Sie, wo ich als Rheinland-Pfälzerin immer noch Hemmungen habe?

ZEIT: Sagen Sie es uns!

Klöckner: Beim Sprachgebrauch – spreche ich vom "Osten", oder sage ich "neue Bundesländer"? Ich weiß es nicht. Wenn einer "neue Bundesländer" sagt, hört sich das für mich immer so an, als rede er über Kinder, die zwar aus dem Pulli rausgewachsen sind, denen er aber noch ein bisschen über den Kopf streicheln will. Warum sollte man nicht einfach Osten sagen?

ZEIT: Ja, warum nicht?

Klöckner: Manche scheinen da halt noch an Ostsibirien zu denken. Aber Ossi und Wessi sind schon lange keine Schimpfbegriffe mehr. Im Gegenteil. Mir gefällt, dass es Sonderheiten und Eigenheiten gibt in Deutschland. Ich finde es auch gut, wenn man Witze übereinander machen kann. Der Grad des Humors sagt etwas über die tatsächliche Augenhöhe aus.

ZEIT: Wir wollen mit Ihnen über das Rheinland-Pfalz-Niveau sprechen. Über Rheinland-Pfalz als Vorbild für den Osten.

Klöckner: Warum sollen wir Vorbild sein? Weil wir humorvolle Leute sind?

ZEIT: Nein, es geht eher um Finanzpolitik: In ostdeutschen Ländern heißt es immer, die Landeshaushalte müssten bald "auf Rheinland-Pfalz-Niveau" schrumpfen. Im Moment gibt etwa Sachsen noch viel mehr Geld aus als Rheinland-Pfalz. 2019, wenn der Großteil der Transferzahlungen endet, heißt es, habe man noch ungefähr so viel Geld zur Verfügung wie Rheinland-Pfalz ...

Klöckner: Wenn wir in Rheinland-Pfalz nur mit dem Geld auskommen würden, das uns zur Verfügung steht! Gerade Sachsen und Rheinland-Pfalz haben ja durchaus vergleichbare Voraussetzungen. Beide mit etwa vier Millionen Einwohnern, ähnlicher Fläche, beide mit vier Stimmen im Bundesrat. Aber es ist ja so, dass wir anerkennend nach Sachsen oder auch Thüringen schauen.

ZEIT: Inwiefern?

Klöckner: Es ist nicht so, dass die Ossis noch vom Westen lernen müssten. Der Westen lernt jetzt vom Osten. Die Sachsen sind uns in vielen Dingen Vorbild: bei Bildung, Technik und Forschung, vor allem aber eben beim Haushalten. Die Sachsen machen keine neuen Schulden. Wir Rheinland-Pfälzer kommen da als Vorbilder nicht infrage. Unsere Verbindlichkeiten liegen bereits bei 38 Milliarden Euro. Und wir legen Jahr für Jahr eine weitere Milliarde Euro drauf. Rheinland-Pfalz ist eines der Länder mit der höchsten Verschuldungsdynamik deutschlandweit. Das ist das Problem. Unsere Landesregierung streicht jetzt sogar bei der Schwangerenkonfliktberatung Geld, obwohl es da nur um ein paar Tausend Euro geht. Es ist kein Cent mehr da.

ZEIT: Rheinland-Pfalz hat das wesentlich höhere Pro-Kopf-Einkommen, das wesentlich größere Bruttoinlandsprodukt, also wesentlich bessere Voraussetzungen. Ist das nicht wünschenswert?

Klöckner: Die Struktur der Wirtschaft ist eben noch eine andere bei uns. Wir haben den weltgrößten Chemiekonzern BASF, wir haben den Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. So große Konzerne fehlen dem Osten. Aber die Sachsen müssen kaum Geld für Zinsen aufwenden, sie haben relativ schlanke Verwaltungen, sie werden es nach 2019 schon schaffen, mit weniger Geld zu wirtschaften. Rheinland-Pfalz ist auch ein Nehmerland. Warum sind die Sachsen so ängstlich?