Einen solchen Auftritt am Nil hatten die Russen seit vierzig Jahren nicht. Am vergangenen Freitag reisten der Außen- und der Verteidigungsminister nach Kairo zum neuen starken Mann, dem General Abdel-Fatah al-Sissi. Die Begrüßung war so herzlich, als kämen alte Freunde zu Besuch. Stimmt auch irgendwie, denn mit Russland waren die Ägypter bis zum historischen Bruch unter Anwar al-Sadat in den siebziger Jahren befreundet. Aber was suchen die Russen heute in Ägypten?

Möglich wurde der Besuch durch die rapide Verschlechterung des Verhältnisses Ägyptens zur US-Regierung. General Sissi nimmt den Amerikanern die Unterstützung des islamistischen Präsidenten Mursi übel. Washington wiederum liefert nach Mursis gewaltsamem Sturz keine Panzer und Hubschrauber mehr. Und weil Kairo nach Meinung der Amerikaner grob gegen Menschenrechte verstößt, haben sie auch die Wirtschaftshilfe eingefroren. Da kommen die Russen gerade recht.

Obamas zögerliche Zickzack-Politik versteht im Nahen Osten kaum noch einer. Die Russen bieten eine klare Alternative: solide Unterstützung für autoritäre Regime, keine Einmischung in innere Angelegenheiten, wie schlimm es auch immer zugehen mag. Das gefällt dem General Sissi.

Russland bietet statt amerikanischer Kampfflugzeuge MiG-29-Jäger an. Statt Patriot-Raketen russische Boden-Luft-Batterien. Die gewöhnlich gut informierte Zeitung Vedomosti schreibt von Aufträgen in Höhe von zwei Milliarden Dollar, über die die Minister aus Moskau mit Sissi verhandelt hätten. Was sie am Ende unterschrieben haben, verschwiegen sie. Vielleicht noch nichts? Ägyptens größtes Problem ist nämlich ein chronischer Geldmangel. Die Amerikaner haben den Ägyptern viele Waffen als Militärhilfe überlassen. Die Russen aber wollen verkaufen.

Moskaus Einfluss in Ägypten hängt darum auch von reichen Dritten ab, den Golfarabern. Kuwait, die Emirate und Saudi-Arabien sind seit dem Putsch vom 3. Juli General Sissis wesentliche Geldgeber. Ob Kairo mit den Milliarden auch auf dem russischen Rüstungsmarkt shoppen darf, ist unklar. Ausgeschlossen ist es nicht. Womöglich unterstützen die Araber eine ägyptische Wende nach Russland, weil auch die Golfstaaten Obama wegen seines Nahost-Schlingerkurses grollen.

Die Russen haben den Ägyptern auch Kraftwerke angeboten. "Wollen Sie Kernkraftwerke?", fragt der russische Nahostexperte Jewgenij Satanowskij rhetorisch. "Bitte schön, können Sie haben!" Die Russen haben den Türken nebenan schon einen Atommeiler verkauft, in einem erdbebengefährdeten Gebiet. Sie sind gute Geschäftsleute.

Ob die Kreml-Strategen Ägypten ganz von Amerika wegdrehen können, hängt am Ende freilich von Amerika ab. Obama müsste Ägypten nur wieder mit Hilfe überschütten, ohne jede Auflage bei Demokratie und Menschenrechten. Dann hätte Abdel-Fatah al-Sissi, der General im Glück, gleich zwei Großmächte, die ihm den Hof machen.

Der Kreml und General Sissi allerdings sind sich einig über den Fortgang der arabischen Aufstände, vor allem über Syrien. Sissis weggeputschter Vorgänger, der Islamist Mohammed Mursi, sympathisierte mit der syrischen Opposition. Dagegen wächst bei Sissi das Verständnis für den von Russland gestützten Diktator Baschar al-Assad. Kämpft nicht auch er gegen einen illegalen Aufstand bärtiger Schurken? Sind seine Feinde nicht auch die Islamisten aller Couleur? Russlands alte Warnung vor dem Islamismus – ob im Kaukasus, Syrien oder anderswo – hat in Kairo heute viele Anhänger. Auch deshalb versteht man sich neuerdings wieder so gut.