Hegel nannte ihn "eins der reichsten und umfassendsten wissenschaftlichen Genies", einen "Lehrer des Menschengeschlechts", Bertrand Russell verkündete, es habe zweitausend Jahre gedauert, "bis die Welt wieder einen ihm auch nur annähernd ebenbürtigen Philosophen hervorbrachte": Aristoteles, der das Staunen als den Anfang aller Philosophie betrachtete, hat selbst immer wieder Staunen hervorgerufen. Obwohl ein großer Teil seines Werks verschollen ist, hat das, was überlebte, Epoche gemacht und nicht nur die abendländische Philosophie geprägt. In immer neuen, mal progressiven, mal konservativen Varianten gibt es neoaristotelische Strömungen, die sich stolz auf den großen Vorläufer berufen.

Staunenswert ist in der Tat, wie oft Aristoteles herangezogen wird. Hat das, was auf Facebook passiert, mit echter Freundschaft zu tun? Schauen wir doch, was Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik über Freundschaft zu sagen hat! Wie können wir den Egoismus ruchloser Manager bändigen? Her mit den Tugenden und damit irgendwie auch mit Aristoteles. War nicht der nun schon etwas verblasste Kommunitarismus in seiner Kritik am allzu individualistischen und ökonomiefreundlichen Liberalismus auch eine aristotelische Bewegung? Aristoteles war es ja schließlich, der den Menschen als politisches Lebewesen bestimmte, das heißt als wesentlich sozial und gemeinschaftsbezogen. Ob mit seiner Rhetorik, der Poetik, der Physik oder der Metaphysik – Aristoteles hat in allen diesen Teildisziplinen der Philosophie Maßstäbe gesetzt. Man musste sich gleichsam an Aristoteles abarbeiten, um wirklich Neues zu denken. Eine größere Ehrbezeugung lässt sich kaum denken.

Doch wer war Aristoteles? Hellmut Flashar, langjähriger Herausgeber der deutschen Werkausgabe des Aristoteles und Altphilologe von Beruf, versammelt in seinem neuen Buch noch einmal das spärliche Wissen, das bislang über den Philosophen vorliegt. Geboren im Jahre 384 v. Chr. in Stageira auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidike als Sohn des Arztes Nikomachos und der Mutter Phaestis, verbringt Aristoteles einen Teil seiner Jugend vermutlich am makedonischen Hof von Amyntas III., dessen Leibarzt sein Vater war. Die Eltern sterben früh, und schon mit 17 kommt Aristoteles auf Anraten seines Vormunds Proxenos an die Akademie Platons nach Athen, wo er zunächst Schüler ist und dann zunehmend selbst Lehr- und Vortragsaufgaben übernimmt. Flashar schildert diese Zeit mit lebendigen Strichen, zu sehen sind auch einige Bilder der von ihm erwähnten Örtlichkeiten in ihrem archäologisch rekonstruierten gegenwärtigen Zustand.

Zwischen Athen und Alexander: Ein unruhiges Philosophenleben

Man muss sich die Akademie Platons wie eine große Schule vorstellen, in der die Philosophie nicht nur gelehrt, sondern auf alltägliche Weise gelebt wird. Aristoteles saugt alles auf, was ihm begegnet, seine Neugier und sein Wissensdurst scheinen unersättlich. Einmal erwachsen geworden, kann er aber nicht in Athen bleiben. Nach Platons Tod im Jahre 347 wäre er zwar ein möglicher Nachfolger als Kopf der Akademie, aber Aristoteles ist Metoeke, also Nicht-Athener, und zudem noch verbunden mit dem makedonischen Hof, der seinen Herrschaftsbereich zunehmend ausweitet und damit in Gegnerschaft zu Athen tritt. Aristoteles muss Athen verlassen und gelangt dann tatsächlich auf Umwegen erneut an den makedonischen Hof, wo er zum Lehrer des jungen Alexander ernannt wird, der später ein Weltreich erschafft.

Über diese Verbindung von Philosophie und Politik ist viel geschrieben worden, aber Flashar ist hier wie auch sonst in seinem Buch im Urteil eher zurückhaltend: Zu vieles ist ungewiss, zu vieles bloße Spekulation. Immerhin erlauben die politischen und militärischen Erfolge Alexanders Aristoteles eine Rückkehr nach Athen: Dort beugt man sich den Umständen und versucht sogar, "Makedonenfreunde" – und als solcher gilt Aristoteles – für sich zu vereinnahmen. So kann Aristoteles hier nun wieder lehren, forschen und schreiben; eine eigene Schule gründen kann er allerdings nicht, denn Fremden bleibt Grundbesitz verwehrt. Nur mithilfe von einflussreichen Gönnern kann Aristoteles seine offenbar früh schon legendäre Bibliothek an einem festen Standort unterbringen und eine Art eigene Akademie betreiben. Nach dem Tod Alexanders 323 schließlich kippt die Stimmung erneut, es folgt die zweite Flucht aus Athen, 322 stirbt Aristoteles in Chalkis auf der Insel Euboea.

Aus diesen wenigen Daten lässt sich das Genie des Aristoteles nicht einfach ableiten, und so konzentriert sich Flashar im Hauptteil seines Buchs vor allem auf die Darstellung der großen Werkkomplexe, auf die ethischen, politischen, rhetorischen, poetologischen, logischen, metaphysischen, physikalischen, kosmologischen, psychologischen und biologischen Schriften; eine kurze Rezeptionsgeschichte beendet das Buch. Explizit wendet sich Flashar dabei nicht an die Fachwissenschaft, sondern an den "interessierten Laien", der sich ein Bild von Aristoteles machen möchte. Für den philosophisch Vorgebildeten bietet das Buch also nichts Neues, aber wer Aristoteles nicht kennt, findet hier sicherlich eine gelungene Einführung. Manchmal ermüdet Flashars Stil durch eine allzu referatsartige Darstellung einzelner Schriften, auch wünschte man sich an manchen Punkten mehr Mut zur urteilenden Stellungnahme und zur Gewichtung der skizzierten Theorien. Denn dann würde deutlich, dass man Aristoteles nicht einfach lesen muss, weil er nun einmal zu den großen Gründungsfiguren der abendländischen Philosophie gehört, sondern vor allem, weil viele seiner Argumente auch für unsere Gegenwart immer noch äußerst lebendig sind.