Was für eine seltsame Weltmeisterschaft ist das da im südindischen Chennai? Jahrelang war sie vom Publikum herbeigesehnt worden. Der ausweislich seiner Turnierergebnisse beste Spieler aller Zeiten, Magnus Carlsen, 22, aus Norwegen, trifft auf den Inder Viswanathan Anand, 43, den Weltmeister aller Klassen: Im klassischen Schach wie im Schnellschach und Blitzschach hat Anand die Konkurrenz einst hinweggefegt.

Würde er dem jugendlichen Raufbold aus Oslo standhalten, der immer auf Gewinn spielt? Fantastische Schlachten auf 64 Feldern wurden imaginiert, und selbst Carlsen, von vielen und von sich selbst als Favorit betrachtet, ließ Wochen vor dem Kampf noch einen Rest an Respekt erkennen: "Anand wird fokussiert sein und bestens präpariert. Er wird nicht einfach zu Boden gehen."

Nun scheint genau das zu geschehen. Anand ist benommen, angezählt. Wirkte er am Anfang locker, schlagfertig, selbstbewusst, fit, ist er nun einsilbig und reizbar. Am Brett agiert er mehr wie Opa Anand als wie der jederzeit zum Sprung bereite "Tiger von Madras", als der er bezeichnet wird.

Nach jeder Partie müssen die Spieler für 20 Minuten zur Pressekonferenz, wo 100 Journalisten auf sie warten und noch die kleinste Regung registrieren. Anfangs machte Anand Witze; jetzt sieht er zu, dass er möglichst wortlos davonkommt.

Sein Herausforderer geht den umgekehrten Weg. In der Öffentlichkeit sonst eher linkisch, von seinem Naturell her muffelig bis schroff, sieht man ihn inzwischen sogar lächeln. Es ist das Lächeln eines Mannes, der seinen Triumph nahen spürt. Genüsslich und selbstverliebt.

Nach vier unentschiedenen Partien, in denen der Weltmeister sich behaupten kann, teilweise sogar im Vorteil ist, kommt der Wendepunkt. Carlsen hat Weiß, und Anand schafft es zum ersten Mal nicht gut aus der Eröffnung. Er hat einen Sorgenläufer, dem die eigenen Bauern im Weg sind, und drei dieser Bauern stehen auch nicht schön beisammen, sondern jeder steht für sich allein. Das sind positionelle Schwächen, die den Jagdinstinkt wecken. Carlsen setzt Anand zu, Anand manövriert, es dauert Stunde um Stunde. Schließlich, als er fast alle Probleme gelöst hat, macht er einen Fehler. Bis dahin ist die schwierige Stellung ausgeglichen gewesen, jetzt nicht mehr. Carlsen geht mit 3 : 2 in Führung.

Eine Niederlage sollte einen guten Spieler nicht umwerfen, erst recht nicht den Weltmeister. Mal gewinnt man, mal verliert man – so ist das eben. Neue Partie, neues Glück!

Anand hat kein Glück. Nach dem Verlust am Freitag spielt er am Samstag mit Weiß. Carlsen verteidigt sich mit jener "Berliner Mauer" genannten Spezialvariante der Spanischen Partie, deren Beton kaum zu sprengen ist. Anand versucht es nicht mit Gewalt. Er zieht lasch herum. Carlsen gleicht aus, erreicht ein minimales Plus. Anand strebt ein remisträchtiges Turmendspiel an, Carlsen lässt sich nicht erweichen. Er spielt weiter und spielt und spielt. Mögen alle Computer und alle Kommentatoren die Partie als Unentschieden abhaken, Carlsen ersinnt immer neue Tricks, um sie in Gang zu halten. Und dann, in der fünften Stunde, macht Anand einen Fehler, schon wieder.

So gewinnt Carlsen innerhalb von zwei Tagen zwei Partien. Die Siege sind ihm nicht in den Schoß gefallen; er hat, getrieben vom Willen zum Erfolg, großen Ideenreichtum gezeigt. Aber er hätte nicht gewonnen, wenn Anand nicht so böse fehlgegriffen hätte.

Während die Norweger in Chennai gar nicht so viele Flaschen öffnen können, wie sie austrinken wollen, vergeht den internationalen Beobachtern schlagartig die gute Laune. Soll es das jetzt schon gewesen sein? Am Sonntag, einem spielfreien Tag, bedenken alle die Lage. Dazu bietet sich die Lobby des Wettkampfhotels an. Zuschauer, Journalisten und Teammitglieder driften durch die Halle und finden sich zum Gespräch zusammen. Die Stimmung ist eindeutig: Man gönnt es den Norwegern, schon, aber bitte doch nicht so!

Anand zeigt sich nicht. Vermutlich hockt er in seiner Präsidentensuite und überlegt das weitere Vorgehen. Am Montag würde er noch einmal Weiß haben. Indien und die Welt wollen jetzt Taten sehen. Der Herausforderer hingegen geht mit Familie und Freunden Basketball spielen. Seine Vorbereitung aufs Schach scheint in erster Linie aus körperlicher Bewegung zu bestehen. Seine Fitnessbegeisterung steckt sogar die Presse an: Sein Leibreporter Ole Kristian Strøm vom Osloer Boulevardblatt VG, ein rundlicher, freundlicher Mann, läuft morgens auch schon im Sportdress an der Rezeption vorbei, bestaunt von korrekt gekleideten Indern.

Am Montag stellt Carlsen wieder eine Berliner Mauer aufs Brett; Anand erreicht nichts. Die Langmütigen unter den Zuschauern wollen es ihm noch zugestehen: Nach zwei Verlusten, so halten es die mit allen Fährnissen vertrauten russischen Meister, soll man zunächst ein nervenschonendes Remis spielen, um wieder Zutrauen zu fassen. Aber am Dienstag! Am Dienstag würde der Weltmeister den Herausforderer in Verwicklungen stürzen!

Es kommt der Dienstag, und indische Schachschüler bevölkern Stehplätze hinten an der Wand des Ballsaales, von wo aus die beiden Spieler auf der Bühne mehr zu ahnen sind als zu sehen. Heute würde ihr Held es allen zeigen!

Der Held denkt schon nach Carlsens erstem Zug minutenlang nach. Für seine Fans müssen es schreckliche Minuten sein. Und dann stellt doch tatsächlich er die Berliner Mauer aufs Brett! Eine Eröffnung, die zum Angriff nicht taugt. Carlsen drischt seine Züge nur so heraus, als wollte er seinem Gegner sagen: Ich bin nicht nur besser, sondern auch schneller als du! Für die 33 Züge bis zum Remis braucht er keine 20 Minuten, Anand fast eine Stunde. In der gesamten Partie stellt Anand nicht eine Drohung auf. Als alle Figuren abgetauscht sind, zieht Carlsen demonstrativ die Bauern vor: Sieh her, hier geht gar nichts mehr, aber vielleicht machst du ja noch einen Fehler!

Auf der Pressekonferenz setzt er noch eins drauf: Er habe diese Variante gewählt, weil er heute keine Lust gehabt hätte, groß nachzudenken.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Chennai nur eine Frage: Kann diese WM noch einmal spannend werden? Es spricht wenig dafür.

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